Sommerlinde

Tilia platyphyllos Scop.

Woran denken Sie beim Anblick einer großen Sommerlinde, wie sie im Arboretum des Botanischen Gartens steht? An den wunderbaren Duft der Lindenblüten? An ein Biergartengetränk im Gasthaus "Zur Linde"? An die zum Teil über Tausend Jahre alten "Tanzlinden" und "Gerichtslinden", die noch den Mittelpunkt alter Dorfkerne markieren? An die schweißtreibende Wirkung des Lindenblütentees bei Erkältungen? Vielleicht an einen netten Spaziergang "Unter den Linden" in Berlin? Oder an die klebrigen Blattlaussekrete auf dem versehentlich unter einer Linde geparkten Auto? Alles richtig, aber hier soll der Blick auf einen ganz anderen Aspekt gelenkt werden, nämlich auf die wundersame Welt der kleinen Lebewesen, die auf und zum Teil auch in den Blättern der Linde leben.

Aber zunächst zur Sommerlinde (Tilia platyphyllos). In unseren Wäldern ist die Linde relativ selten. Sie ist charakteristisch für montane Buchenmischwäldern, in denen sie gemeinsam mit Bergahorn und Ulme vereinzelt vorkommt. Typische Standorte sind Schlucht-  oder Hangwälder mit feuchtem steinigem Untergrund. Die Sommerlinde ist oft nur schwer von der Winterlinde (Tilia cordata) und von der Holländischen Linde (Tilia x vulgaris), einer Kreuzung zwischen Sommer- und Winterlinde, zu unterscheiden. Die Sommerlinde blüht etwa 14 Tage früher als die Winterlinde, und ihre Blätter sind beiderseits leicht behaart, während die Blätter der Winterlinde kahl sind. Zudem sind die kleinen Haarbüschel auf der Blattunterseite in den Achseln der Blattadern bei der Sommerlinde weißlich und bei der Winterlinde bräunlich. Aber diese Merkmale sind nicht immer klar zu unterscheiden. Das Holz beider Arten ist relativ leicht, weich und gleichmäßig; es wird vor allem von Holzbildhauern geschätzt. Wenn man die Lindenblätter genauer betrachtet, kann man auf den Blattoberseiten oft eigenartige rote Hörnchen entdecken. Diese auffälligen Gebilde gehören in die große Gruppe der Pflanzengallen. Das sind Wucherungen des Pflanzengewebes, die von einer Vielzahl unterschiedlicher Parasiten (Viren, Bakterien, Pilzen, Fadenwürmern, Milben, Blattläusen, Mücken, Fliegen oder Wespen) hervorgerufen werden können. Die Parasiten sind meist an eine spezielle Pflanzenart gebunden und lösen eine artspezifische Gallenbildung aus. Die Galle dient ihrem Schutz und ihrer Ernährung. Man kann anhand der Gallenmerkmale leicht den verursachenden Parasiten bestimmen. Die roten Hörnchen auf den Blättern der Sommerlinde werden von der Lindengallmilbe (Eriophyes tiliae) verursacht.

Die Lindengallmilben sind nur etwa 0,2 mm groß, mit bloßem Auge sind sie also kaum erkennbar. Sie haben einen spindelförmigen Körper mit zwei Beinpaaren und Mundwerkzeugen am vorderen Ende und Geschlechtsorganen am hinteren Ende. Auf Atmungsorgane, Augen oder gar einen Blutkreislauf können sie aufgrund ihrer geringen Größe und ihrer speziellen Lebensweise verzichten. Erwachsene Milbenweibchen, die in den Knospen der Linde überwintert haben, wandern im Frühjahr auf die Unterseite der jungen Blätter und ernähren sich von deren Zellsaft. Dazu durchstechen die Milben mit ihren stilettartigen Mundwerkzeugen die Außenwand der Blattzellen und saugen den austretenden Zellsaft. Die Pflanzenzellen scheinen den Biss der kleinen Milben problemlos zu verkraften, tatsächlich verändern sie sich aber grundlegend. Durch den Biss sind Sekrete aus den Speicheldrüsen der Gallmilbe in die Pflanzenzellen gelangt. In diesen Speichelsekreten sind Stoffe enthalten, die den Wachstumshormonen der Pflanzen ähneln. Was auf molekularer Ebene genau passiert, ist noch immer weitgehend unerforscht. Nur soviel sit klar: Die hormonartigen Speichelstoffe verändern das Wachstumsverhalten der Zelle, ihr Zellkern vergrößert sich, und sie gibt Botenstoffe an ihre Nachbarzellen ab, die dazu führen, dass das Gewebe rund um die Bissstelle zu wachsen beginnt. Dadurch wölbt sich das Blatt über der Bissstelle nach oben, und es entsteht die beutelförmige rote Galle, die über eine kleine Öffnung mit der Blattunterseite verbunden ist. Im Innern und im Bereich der Öffnung ist die Galle dicht behaart. Das sorgt für ein gleichmäßig feuchtes Klima in der Galle. Zudem entwickelt sich auf der Innenseite der Galle ein Nährgewebe, das Stärke und Proteine speichert. Das Milbenweibchen, das in der Knospe überwintert und durch seinen Biss die Entwicklung der Galle ausgelöst hat, legt in der wachsenden Galle ihre Eier und stirbt danach ab. Aus den Eiern schlüpfen innerhalb weniger Tage die Larven, die wie die erwachsenen Milben die Pflanzenzellen anstechen und durch ihre Speichelinjektionen das Wachstum der Galle und die Ausbildung des Nährgewebes in Gang halten. Im Laufe des Sommers entwickeln sich mehrere Generationen innerhalb der Galle und die Zahl der Milben kann auf über 100 Tierchen ansteigen. Neue Gallen kommen aber nicht mehr hinzu, sie können nur im Frühjahr am jungen, wachsenden Blatt entstehen. Aus der letzten Milbengeneration wandern befruchtete Weibchen wieder in die Überwinterungsknospen an den Zweigspitzen. Wie sie den Weg dorthin finden, zählt zu den vielen kleinen Geheimnissen der Biologie.

Auf den Linden können mehr als 20 unterschiedliche Gallen verschiedener Parasiten vorkommen. An der Sommerlinde im Botanischen Garten kann man neben den roten Hörnchen leicht auch die linsenförmigen Gallen der Lindengallmücke (Didymomyia reaumuriana) finden. Die Gallmücke hat in das Gewebe der jungen Blätter ihre Eier abgelegt. Durch den Stich und die sich entwickelnde Larve wird die Bildung einer geschlossenen Galle mit Nährgewebe induziert. Diese Gallen fallen im Laufe des Sommers aus den Blättern heraus und überwintern am Boden. Erst im nächsten Frühjahr schlüpfen die Gallmücken und der Zyklus beginnt von neuem. Wie durch die Parasiten so unterschiedliche, artspezifische Gallbildungen aus den im Grunde gleichen Blattzellen ausgelöst werden können, ist schwer zu begreifen. Genetisches Material, das den Bauplan einer Galle beinhalten könnte, wird von den Insekten offenbar nicht übertragen. Die Entwicklung scheint einzig durch Stoffe ausgelöst zu werden, die in den Hormonhaushalt der Pflanze eingreifen und die ständig nachgeliefert werden müssen. Eine Sommerlinde kann somit nicht nur ungezählte Lebenspartner ernähren, sie liefert auch Stoff für noch viele Wissenschaftlergenerationen.

 

Systematik: Malvengewächse (Tiliaceae)
Heimat: Von Spanien über Mitteleuropa bis in den Kaukasus
Standort: Arboretum (Feld 1)

Literatur
Buhr, H. (1965). Bestimmungstabellen der Gallen (Zoo- und Phytocecidien) an Pflanzen Mittel- und Nordeuropas. Band II. Fischer, Jena.
Hegi, G. (1925). Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band V,1. Hansen, München.
Mani, M.S. (1964). Ecology of Plant Galls. Monographiae Biologicae, Vol XII. Junk, The Hague.
Petanovic, R. & M. Kielkiewicz (2010). Plant-eriophyoid mite interactions: cellular biochemistry and metabolic responses induced in mite-injured plants. Part I. Exp Appl Acarol 51: 61-80.
Petanovic, R. & M. Kielkiewicz (2010). Plant-eriophyoid mite interactions: specific and unspecific morphological alterations. Part II. Exp Appl Acarol 51: 81-91.
Thomsen, J. (1975). Development and histology of galls on Tilia platyphylla caused by Eriophyes tiliae tiliae. Botanisk Tidsskrift 69: 262-270.

 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 09.06.2011