Edelkastanie

Castanea sativa Mill.

Bald sieht man sie wieder in der Stadt: die Maroni-Verkäufer mit ihren dampfenden Öfen, die oft wie kleine Lokomotiven aussehen. Ihre gerösteten Kastanien kommen meist aus Südfrankreich oder Italien, aber auch bei uns gibt es Regionen, in denen die Kultur der Esskastanien einmal von großer Bedeutung war. Das gilt etwa für die Haardt, also den östlichen Rand des Pfälzer Waldes, für die Bergstraße und den Vordertaunus, aber auch für einen kleinen Bereich um die Ortschaft Dannenfels an der Ostflanke des Donnersbergs in der Westpfalz. Hier sind bis heute eindrucksvolle Kastaniengärten mit veredelten großfrüchtigen regionalen Sorten erhalten. Im Ort gibt es direkt an der Durchgangsstraße einen riesigen Kastanienbaum mit mehr als 9 m Umfang. Allerdings ist der Baum, dessen Alter mit 650 Jahren angegeben wird, bereits seit langem ein weitgehend abgestorbener Torso mit nur noch einem vitalen Ast.

Wie die Eichen und Buchen gehört die Edelkastanie zur Familie der Buchengewächse (Fagaceae). Insgesamt umfasst die Gattung Castanea acht Arten, die alle sehr ähnlich sind und zum Teil auch miteinander hybridisieren können. In Europa ist nur die Edelkastanie (Castanea sativa) heimisch. In Nordamerika kommen drei Kastanienarten vor, darunter die Amerikanische Kastanie (Castanea dentata), die bis zu Beginn des 20. Jahrhundert eine der häufigsten Baumarten in den ostamerikanischen Laubwäldern war. Dann brachen ihre Bestände innerhalb weniger Jahrzehnte durch eine aus Ostasien eingeführte Pilzerkrankung, den Kastanienrindenkrebs, fast vollständig zusammen. Heute kommt diese einst mächtige Kastanienart praktisch nur noch als Strauch im Unterwuchs der Wälder vor. Vier weitere Kastanienarten sind in Ostasien verbreitet. Die Chinesische Kastanie (Castanea mollissima) ist die wirtschaftlich wichtigste Art der Gattung. Fast drei Viertel der weltweit geernteten Kastanienfrüchte stammen von dieser chinesischen Art. Von großer Bedeutung ist auch die Japanische Kastanie (Castanea crenata), denn viele der heute angebauten französischen Kastaniensorten sind aus Kreuzungen der Edelkastanie mit der Japanischen Kastanien entstanden.

Trotz ihres Vorkommens in einigen warmen Regionen Deutschlands ist die Edelkastanie keine heimische Baumart. Ihr ursprüngliches Verbreitungsareal ist auf Gebiete südlich der Pyrenäen und Alpen beschränkt, reicht aber im Osten über den Balkan, Griechenland und die Türkei bis in den Kaukasus. Es waren die Römer, die die Edelkastanie in Frankreich, im Süden Englands und im Südwesten Deutschlands etabliert haben. Sie schätzten die Früchte der Kastanie, die getrocknet zu Mehl verarbeitet wurden, als wichtiges Nahrungsmittel. Später bildete die Kastanie in vielen Regionen, in denen kein Getreide angebaut werden konnte, das wichtigste Grundnahrungsmittel der Bevölkerung. Ab dem 19. Jahrhundert verlor die Edelkastanie dann vielerorts an Bedeutung, und viele Bäume wurden zur Holznutzung oder zur Gewinnung von Gerbstoffen gefällt. Mitte des 20. Jahrhunderts führte schließlich auch in Südeuropa der Kastanienrindenkrebs zu einem starken Rückgang der Bestände. Erst seit einigen Jahren zeichnet sich aber ab, dass eine Eindämmung des Kastanienrindenkrebses durch hypovirulente Stämme des Erregerpilzes (Cryphonectria parasitica) möglich ist. Diese von einem Virus infizierten Erreger können von den Kastanien abgewehrt werden. Hypovirulente Erregerpilze übertragen dieses Virus bei passender Kreuzungsgruppe auch auf die aggressiven Rindenkrebserreger, die daraufhin von der Kastanie eingegrenzt werden können. Es besteht also Hoffnung, dass diese eindrucksvolle Baumart erhalten bleibt, und es sich auch in Zukunft lohnt, bei einem Herbstspaziergang im Pfälzer Wald eine Sammeltüte dabei zu haben.

Im Botanischen Garten der Universität Mainz sucht man unter der Kastanie dagegen vergeblich nach verwertbaren Früchten. Unser Baum ist ein Einzelexemplar, und da sich die Kastanien nicht selbst befruchten können, bleibt die Fruchtbildung aus, und die stacheligen Schalen enthalten nur verkümmerte Nüsse. Abhilfe könnte nur ein zweites Exemplar bringen, aber auf dem kalkhaltigen Boden im Botanischen Garten ist die Kultur der Edelkastanie schwierig. Sie bevorzugt saure Böden. Bis wir eine passende Sorte gefunden haben, bleibt also nur, weiter auf die Maroni-Verkäufer am Weihnachtsmarkt zu warten.

Systematik:  Buchengewächse (Fagaceae)
Heimat:  Südeuropa, Nordafrika, Westasien
Standort:  Arboretum (Feld 3)

Literatur
Bottacci, A. (1998). Castanea sativa Miller. Enzyklopädie der Holzgewächse 14. Erg.Lfg. 12/98: 1-9.
Hegi, G. (1957). Illustrierte Flora von Mitteleuropa, 2. Auflage, Band III, 1: 211-219. Hansen, München.
Ping Lang, F.Dane & T.L.Kubisiak (2006). Phylogeny of Castanea (Fagaceae) based on chloroplast trnT-L-F sequence data. Tree Genetics & Genomes 2: 132-139.

Weiterführende Links
Interessengemeinschaft Edelkastanie

 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 25.10.2011