Bitterorange, Pomeranze

Citrus x aurantium L.  ‘Sour Orange Group’

Sie ist eine der ältesten Pflanzen im Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Anfang der 1950er Jahre kam sie aus dem Botanischen Garten Münster nach Mainz. Ursprünglich aber stammte die alte Bitterorange (Pomeranze) aus dem Besitz des Freiherrn von Beverfoerde, der seine Orangenbäume dem Botanischen Garten in Münster überlassen hatte. Da man dort nicht genügend Platz hatte, wurden einzelne Bäume an andere Botanische Gärten abgegeben. Die Pomeranze ist also aus vornehmem Hause. Entsprechend wurde die attraktive Kübelpflanze an der Universität Mainz im Sommerhalbjahr vor dem Eingang des Forumgebäudes aufgestellt, in dem sich schon damals das Rektorat befand. So konnte die Pomeranze an ihre frühere repräsentative Tätigkeit anknüpfen.

Orangenbäume gehörten ab dem 16. Jahrhundert an den europäischen Fürstenhäusern zu den Symbolen der Macht und des Reichtums. Sie waren damals auch noch wirklich exotisch und teuer, und es war aufwändig, sie in unserem Klima am Leben zu halten. Man brauchte helle, beheizte Überwinterungshäuser, aus denen sich dann die prächtigen Orangerien der Barockgärten entwickelten. Heute sind Orangenbäume als Kübelpflanzen leider ganz aus der Mode gekommen. Ihren Platz haben die profanen Olivenbäume eingenommen, die inzwischen an fast jeder Ecke stehen, um mediterrane Lebensart zu signalisieren. Mit dem klassischen Symbolcharakter der Orange, die an die mythologischen Hesperiden erinnern, kann es die triste Olive aber nicht aufnehmen.

Heute ist die Orange in erster Linie ein Agrarprodukt mit vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten und Grundlage einer weltumspannenden Zitrusindustrie. Die jährliche Produktion von Zitrusfrüchten beträgt inzwischen mehr als 120 Mio. Tonnen und liegt damit fast doppelt so hoch wie die weltweite Apfelernte (knapp 70 Mio. Tonnen). Hauptanbauländer für Citrusfrüchte sind China, Brasilien, die USA, Indien, Mexiko und Spanien. In Deutschland werden pro Kopf und Jahr etwa 45 kg Zitrusfrüchte verbraucht. Hinzu kommen noch rund 9 Liter Orangensaft pro Person. Damit gehören Zitrusfrüchte in Deutschland zu den beliebtesten Obstarten und bilden eine der wichtigsten Vitamin-C Quellen.

Die Geschichte der Zitruspflanzen konnte erst in den letzten Jahrzehnten mit einiger Verlässlichkeit rekonstruiert werden. Die etwa 20 Arten der Gattung Citrus stammen alle aus Süd- und Ostasien, wo ihre Kultur eine sehr lange Tradition hat. Aus genetischen Untersuchungen weiß man inzwischen, dass alle heute angebauten Zitrusfrüchte auf nur drei oder vier botanischen Arten basieren, die mehrfach miteinander gekreuzt wurden. Eine dieser Ausgangsarten ist die Zitronat-Zitrone (Citrus medica). Sie war als einzige Zitruspflanze bereits im Altertum im Mittelmeergebiet bekannt. Zwei weitere Ausgangsarten sind die Pampelmuse (C. maxima) und die Mandarine (C. reticulata). Alle anderen Zitrusfrüchte – Apfelsinen, Bitterorangen, Grapefruit, Zitrone, Limette, Clementinen, Pomelo und wie sie alle heißen – sind Hybriden dieser Ausgangsarten. Zum Teil haben offenbar komplexe Mehrfachkreuzungen und Rückkreuzungen stattgefunden.

Die Bitterorange oder Pomeranze (Citrus x aurantium) ist wie die Apfelsine eine Kreuzung aus Pampelmuse (Citrus maxima) und Mandarine (C. reticulata). Doch während die süßen Apfelsinen erst von den Portugiesen Ende des 15. Jahrhundert auf dem Seeweg nach Europa gelangten, fand die Bitterorange bereits im 10. Jahrhundert über den islamischen Kulturkreis ihren Weg von Indien über den vorderen Orient und Nordafrika nach Spanien. Die Früchte der Pomeranzen sind roh kaum genießbar, aber sie werden zu Orangenmarmelade, Orangeat und aufgrund ihres starken Aromas auch zu Limonaden und Likören verarbeitet. Aus den Fruchtschalen wird Bitterorangenöl gewonnen, das z.B.  in der Aromatherapie eingesetzt wird, und aus den Blütenblättern wird das in der Parfümindustrie als Duftkomponente sehr gefragte Neroliöl destilliert. Dummerweise gibt es noch eine zweite Zitruspflanze, die im Deutschen als "Bitterorange" bezeichnet wird: nämlich die vor allem bei Gartenfreunden bekannte und in milden Lagen winterharte Poncirus trifoliata. Diese lässt sich anhand ihrer dreiteiligen Blätter leicht von den Citrus-Arten im engeren Sinne unterschieden.

Unsere Pomeranze im Botanischen Garten ist inzwischen wohl mehr als 150 Jahre alt. Ihre repräsentativen Aufgaben nimmt sie seit langem nur noch innerhalb des Botanischen Gartens wahr. Vor einigen Jahren war sie als „Baum der Erkenntnis“ der Star unserer Bibelpflanzenausstellung. Und bei den Freunden des Botanischen Gartens erinnert sich mancher noch mit Wehmut an den „Vinum aurantiacum“, den wir einige Jahre lang aus den Früchten hergestellt haben. Höchste Zeit also, die alte Pomeranze an dieser Stelle einmal genauer vorzustellen. Wir wünschen ihr noch viele gesunde Jahre ohne Pilzbefall und Läuseplage.

Systematik:  Rautengewächse (Rutaceae)
Heimat:  Südostasien
Standort:  Kalthaus (Gewächshaus-2), im Sommer auf den Stellflächen zwischen den Gewächshäusern

Literatur
Mabberley, D.J. (2008). Mabberely's Plant Book. A portable dictionary of plants, their classification and use. 3rd edition. Cambridge University Press.
Pang, X.M., C.G.Hu & X.X. Deng (2007). Phylogenetic relationships within Citrus and its related genera as inferred from AFLP markers. Genetic Resources and Crop Evolution 54: 429-436.
Ramón-Laca, L. (2003). The introduction of cultivated Citrus to Europe via Northern Africa and the Iberian Peninsula. Economic Botany 57(4): 502-514.

Internet
Food and Agriculture Organization Corporate Statistical Database (FAOSTAT)

Text: Dr. Ralf Omlor | 25.01.2012

Fotos: R. Omlor, E. Michels