Herzblättrige Birke

Betula cordifolia Regel

Jetzt spricht man wieder über sie. Denn es droht die „Pollenexplosion“! Das kühle Frühjahr hat die Blütezeit der windbestäubten Gehölze lange verzögert. Doch nun erblühen viele zur gleichen Zeit und entlassen unvorstellbare Mengen winzig kleiner Pollenkörner in die Luft. Ein Alptraum für Menschen mit Pollenallergie. Und als besonders „aggressiv“ gilt der Blütenstaub der Birken. Dabei geht die Aggression allenfalls von unserem Immunsystem aus, das offenbar nichts Besseres zu tun hat. Die Birke hat dadurch viel Sympathie verloren. Ohnehin ist sie in Vorgärten oft nicht gut gelitten, weil ihre Samen doch so viel Dreck machen. Grund genug, mal wieder an die positiven Aspekte dieser anspruchslosen Bäume zu erinnern, deren zartes hellgrünes Laub eines der schönsten Zeichen des Frühlings ist.

Im Botanischen Garten gibt es derzeit 28 Birken, die zu etwa 18 unterschiedlichen Arten gehören. Insgesamt umfasst die Gattung Betula nach neueren Bearbeitungen rund 35 Arten, die alle auf die Nordhalbkugel beschränkt sind. Die Bestimmung der Birken-Arten ist allerdings recht schwierig, da sich viele nur geringfügig voneinander unterscheiden und sie zudem auch leicht bastardieren. Einige der Birken im Botanischen Garten stammen noch aus der Anfangszeit des Gartens. Als das Arboretum 1950 auf freiem Feld angelegt wurde, pflanzten die Gärtner viele Birken als schnell wachsende Pioniergehölze. Die Herzblättrige Birke im Nordamerika-Feld des Arboretums wurde allerdings erst 1970 gepflanzt. Sie ist eine der schönsten Birken im Botanischen Garten und jetzt in voller Blüte. Ihre Heimat ist der Nordosten Nordamerikas. Dort wächst sie in feuchten, offenen Wäldern oder an felsigen Hängen in Höhenlagen zwischen 800 m und 2000 m. Sie ist eng mit der Papier-Birke (Betula papyrifera) verwandt, deren Borke jedoch fast rein weiß ist. Die Borke beider Birkenarten lässt sich gut abschälen und wurde von den Indianern Nordamerikas unter anderem zum Bau Ihrer leichten Rindenkanus verwendet.

Birken sind eng mit Erlen, Hainbuchen, Haselnuss und der aus Südeuropa stammenden Hopfenbuche verwandt. Diese Pflanzengattungen bilden gemeinsam die Familie der Birkengewächse, zu deren Umfeld auch die Buchengewächse (Eichen, Buchen, Esskastanien) und die Walnussgewächse gehören. Die Blüten alle dieser Bäume und Sträucher werden vom Wind bestäubt, und damit das gut funktioniert, müssen enorme Mengen an Pollen produziert werden. Ein einziger männlicher Blütenstand einer Birke, ein sogenanntes Kätzchen, soll durchschnittlich etwa 5 Mio. Pollenkörner enthalten, jedes nur etwa 0,03 mm groß. Zur Blütezeit kann die Konzentration von Birkenpollen in der Luft auf über 10.000 Pollen pro m³ Luft ansteigen. Keine andere allergene Pollenart erreicht so hohe Werte. Die Unterschiede können von Jahr zu Jahr aber beträchtlich sein. Offenbar gibt es über weite Regionen synchron stärkere und schwächere Pollenjahre der Birke. Diese Schwankungen haben offenbar wenig mit der aktuellen Witterung zu tun, sondern werden vielmehr durch endogene Rhythmen der Pflanzen gesteuert, auch wenn sie nicht ganz regelmäßig auftreten. Einzelne Jahre mit sehr hoher Pollenproduktion können den genetischen Austausch innerhalb der Birken-Arten erhöhen und damit die hohe Anpassungsfähigkeit dieser Pionierpflanzen verbessern. Genau vorhersagen lassen sich die starken Pollenjahre bisher allerdings nicht. Die jährliche Warnung vor der großen „Pollenexplosion“ der Birken ist vor allem ein mediales Ereignis, das unsere Freude an den frühlingsgrünen Birken nicht schmälern sollte.

Systematik:  Birkengewächse (Betulaceae)
Heimat:  Im Osten von Kanada und im Nordosten der USA
Standort im Botanischen Garten:  Arboretum, Feld 12

Literatur
Flora of North America, Vol. 3: 523 (1997)
Düll, R., H. Kutzelnigg (2005). Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. 6.Auflage, Quelle & Meyer.
Ranta, H., T. Hokkanen, T. Linkosalo, L. Laukkanen, K. bondestam, A. Oksanen (2008). Male flowering of birch: Spatial synchronization, year-to-year variation and relation of catkin numbers and airborne pollen counts. Forest Ecology and Management 255: 643-650.

Links
Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst, Studienanalyse Pollenflug 2001-2012 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 24.04.2013