Krauses Laichkraut

Potamogeton crispus L.

Im Juni fällt die Auswahl einer aktuellen Pflanze nicht leicht, denn der Botanische Garten steht jetzt in voller Blüte. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll, alle haben sich schick gemacht, ihre Blüten rausgehängt, und viele haben auch mächtig Duft aufgelegt. Nur wer all diesen Verlockungen widerstehen kann, hat eine Chance, unsere aktuelle Juni-Pflanze zu entdecken. Denn sie lebt zurückgezogen und fast völlig untergetaucht in einem der Wasserbecken der Systematischen Abteilung, geschützt vor lästigen Enten durch einen großen Drahtkorb. Nur ihre winzigen Blüten reckt sie für kurze Zeit über die Wasseroberfläche und erinnert damit daran, dass sie einmal Vorfahren hatte, die an Land lebten. So wie alle Wasserpflanzen mit Ausnahme der Algen. Im konkreten Fall ist davon aber fast nichts mehr zu sehen, denn das Krause Laichkraut ist perfekt an das Leben im Wasser angepasst. In der gesamten Familie der Laichkrautgewächse gibt es keine einzige Art, die außerhalb des Wassers überleben kann.

Das Krause Laichkraut ist neben der Kanadischen Wasserpest (Elodea canadensis) und dem Ährigen Tausendblatt (Myriophyllum spicatum) eine der am weitesten verbreiteten Wasserpflanzen der Welt, in vielen Regionen gilt sie sogar als invasiv und problematisch. Was macht diese unscheinbare Pflanze so erfolgreich? Um das zu verstehen, muss man die Lebensweise dieses Laichkrautes näher betrachten. Immerhin ist das Krause Laichkraut um diese Jahreszeit leicht zu erkennen. Die rötlich-grünen, am Rand gewellten Blätter sind sehr charakteristisch. Im Laufe des Jahres verändert das Laichkraut allerdings sein Erscheinungsbild mehrfach. Was wir jetzt nahe der Oberfläche sehen, sind die gewellten Frühjahrsblätter der Pflanze. Zieht man so einen Stängel ganz vorsichtig aus dem Wasser, erkennt man, dass sich die Blätter weiter unten im Wasser verändern. Sie werden schmäler und länger, haben keinen gewellten Rand mehr und sind rein grün. Dies sind die Winterblätter des Laichkrautes, die bereits im Herbst gebildet werden und teilweise grün unter der Eisdecke überdauern. Gelingt es, den Stängel bis zum Gewässergrund zu verfolgen, was in 4 m Tiefe sein kann, stellt man fest, dass das Krause Laichkraut mit einem kriechenden Sprosssystem, einem Rhizom, im Schlamm verankert ist. Oft kann man noch erkennen, dass dieses Sprosssystem aus einem eigenartigen stacheligen Überwinterungsorgan, einem so genannten Turio, entspringt.

Die Turionen - was für ein Wort ! - sind eine Form der vegetativen Vermehrung. Für das Krause Laichkraut stellen sie die Hauptvermehrungsform da. Samen werden zwar auch gebildet, und sie haben den Vorteil der höheren genetischen Variabilität, aber sie sind lange nicht so effektiv wie die Turionen. Diese entstehen am Ende der Wachstumsperiode, also etwa ab Juli an den Sprossspitzen, die nun keine normalen Blätter mehr bilden, sondern eine knollig verdickte Achse mit drei bis sieben lederartigen, kurz abstehenden, stacheligen Blättern. Solche Überwinterungsorgane oder Turionen, die viele Nährstoffe enthalten aber ganz unterschiedlich gebaut sein können, werden von verschiedenen Wasserpflanzen gebildet. Nach dem Absterben der im Wasser flutenden Frühjahrstriebe (die Rhizome im Schlamm sind ausdauernd) sinken die Turionen auf den Gewässergrund, wo sie ohne lange Ruhe bereits im Herbst oder im darauffolgen Frühjahr austreiben und neue Pflanzen bilden. Das Krause Laichkraut kann schon bei sehr niedrigen Temperaturen und geringer Lichtintensität seine flachen grünen Winterblätter bilden und damit andere Wasserpflanzen überwachsen. Das ist der Grund für die weite Verbreitung und stellenweise invasive Ausbreitung des Krausen Laichkrautes.

Die Blütenstände des Krausen Laichkrautes sind die einzigen Teile der Pflanze, die wenigstens für kurze Zeit einige Zentimeter aus dem Wasser herausragen. Das hört sich einfach an, stellt die Pflanze aber vor große Herausforderungen. Denn der Blütenstand muss außerhalb des Wassers natürlich wie eine normale Landpflanze vor Austrocknung und starker Sonnenstrahlung geschützt werden. Er benötigt ein Festigungsgewebe und muss über ein Leitgewebe, das unter Wasser kaum erforderlich ist, mit Nährstoffen und Wasser versorgt werden. Die Phase über der Wasseroberfläche ist entsprechend kurz. Sobald der Pollen durch den Wind übertragen und die Bestäubung erfolgt ist, taucht der Blütenstand wieder unter die Oberfläche, wo die weitere Entwicklung bis zur Samenreife erfolgt.

Es ist nicht selbstverständlich, den Lebenszyklus einer Wasserpflanze, die in der Natur in großen Gewässern und in einiger Tiefe vorkommt, in einem kleinen Wasserbecken im Botanischen Garten zeigen zu können. Wenn es dennoch gelingt, dann zählt das zu den vielen kleinen Erfolgen, die von den Besuchern natürlich kaum bemerkt werden. Aus diesem Grund stellen wir solche unscheinbaren, aber extrem interessante Pflanzen im Rahmen von Führungen und den jährlich wechselnden Schwerpunktthemen gerne in den Mittelpunkt. In diesem Jahr widmen wir uns mit dem Thema „Wasser für Pflanzen und Menschen“ unter anderem den Wasserpflanzen, die einen ganz eigenen Kosmos darstellen und viele spannende Entdeckungen ermöglichen.

Systematik:  Laichkrautgewächse (Potamogetonaceae)
Heimat:  ursprünglich wohl Eurasien, heute fast weltweit verbreitet, vor allem in der gemäßigten Klimazone
Standort:  Systematische Abteilung, Beet-3a

Literatur
Arber, A. (1920). Water Plants - A Study of Aquatic Angiosperms. Cambridge University Press.
Cook, C.D.K. (1996). Aquatic Plant Book. SPB Academic Publishing, Amsterdam.
Lindqvist, C., J. De Laet, R.R. Haynes, L. Aagesen, B.R. Keener, V.A. Albert (2006). Molecular phylogenetics of an aquatic plant lineage, Potamogetonaceae. Cladistics 22: 568-588.
Nichols, S.A., B.H. Shaw (1986). Ecological life histories of the three aquatic nuisance plants Myriophyllum spicatum, Potamogeton crispus and Elodea canadensis. Hydrobiologia 131: 3-21.

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 14.06.2013