Geweihfarn

Platycerium alcicorne (Willemet) Desv.

Wer das schmale hohe Tropengewächshaus des Botanischen Gartens der Universität Mainz zum ersten Mal betritt, bleibt oft wie angewurzelt stehen. Denn über dem Eingangsbereich hängt eine bizarre Pflanze, die einer monströsen schwebenden Ananas gleicht. Aber keine Sorge, hier lauert kein Veggie-Ungeheuer auf unbedarfte Besucher. Es ist ein imposanter, fast 60 Jahre alter Geweihfarn (Platycerium alcicorne), der die Blicke der Besucher auf sich zieht. Der große Metallkorb, in dem das Farngewächs einst gepflanzt wurde, ist längst überwuchert. Nur die Stange, mit der die Pflanze in der Dachkonstruktion befestigt ist, ist noch zu erkennen. In seiner Heimat muss sich der Geweihfarn natürlich anders behelfen. Er stammt aus tropischen Wäldern im Südosten Madagaskars, Ostafrika, den Komoren, Réunion und Mauritius. In der Natur wächst er epiphytisch, also als Aufsitzer, zumeist im mittleren Bereich hoher Baumstämme und kann sich im Lauf vieler Jahre zu großen kugelförmigen Gebilden wie in unserem Gewächshaus entwickeln.

Geweihfarne sind eine faszinierende Pflanzengruppe, insbesondere hinsichtlich ihrer Wuchsform und der damit verbundenen Lebensweise. Sie bilden zwei völlig unterschiedliche Blattformen aus. An der kaum sichtbaren Spitze der Sprossachse entstehen abwechselnd Laubblätter und sogenannte Mantelblätter. Die Laubblätter sind bei den meisten Arten geweihartig verzweigt und recht robust. Sie dienen der Fotosynthese und der Vermehrung durch Sporen, die auf ihrer Unterseite gebildet werden. Die Mantelblätter sind zunächst ebenfalls grün und schmiegen sich eng an die Unterlage, auf der der Farn wächst. Nach Erreichen ihrer endgültigen Größe sterben die Mantelblätter bald ab und bilden dichte Lagen toter Blätter, die papierartig übereinander geschichtet sind von innen her allmählich verrotten. Sie schaffen damit einen abgeschirmten, geschützten Raum zwischen dem Baumstamm und der Farnpflanze. In diesem Raum wachsen die Wurzeln des Geweihfarns, es sammelt sich Humus an, und es wird Feuchtigkeit gespeichert. Somit schafft sich der Geweihfarn einen eigenen Mikrokosmus, der es ihm ermöglicht, ohne Kontakt mit dem Boden an einem Baumstamm zu leben.

Die Form der Mantelblätter unterscheidet sich bei den 15 bis 18 Geweihfarn-Arten zum Teil sehr stark. Nur wenige Arten haben völlig flache, fast kreisrunde Mantelblätter wie unser großes Exemplar im Tropengewächshaus. Diese Form der Mantelblätter führt im Laufe der Zeit zu einer geschlossenen kugelförmigen Pflanze mit einem Hohlraum im Innern. Bei den meisten Arten ist der obere Teil der Mantelblätter dagegen abstehend und mehr oder weniger lappig gegliedert. Das führt dann zu einer nach oben offenen, korb- oder nestförmigen Pflanze, in der sich herabfallender Humus und Regenwasser sammeln kann. Dadurch können die Geweihfarne saisonale Trockenheit gut überstehen. Sie verfügen zudem über einen besonderen Säurestoffwechselweg (CAM), der von Dickblattgewächsen (Crassulaceae) und Wüstenpflanzen bekannt ist. Dieser Stoffwechselweg ermöglicht die Aufnahme von Kohlendioxid in der kühleren Nacht. Am Tag können die Spaltöffnungen dann geschlossen bleiben, wodurch sich der Wasserverbrauch deutlich verringert.

Aber zurück zu den Mantelblättern. Durch sie bilden die Geweihfarne spannende kleine Biotope in den Baumkronen, die in der Natur weitere Bewohner an sich binden. So wachsen einige epiphytische Orchideen in den Geweihfarn-Nestern, und es gibt Ameisen, die sich auf diesen Lebensraum spezialisiert haben. Die Ameisen sorgen für eine weitere Humusanreicherung, und sie können dann auch Auswirkungen auf die umgebende Vegetation haben, etwa indem sie Schlingpflanzen, die den Geweihfarn überwuchern könnten, gezielt abbeißen. Auch im Tropengewächshaus bildet der große Geweihfarn einen begehrten Lebensraum, allerdings für zum Teil fragwürdige Bewohner. Zum einen wird er von kleinen Ameisen besiedelt. Okay, die sind in wärmeren Gewächshäusern allgegenwärtig und nicht sehr problematisch. Ärgerlicher sind da schon die schwer zu bekämpfenden Schaben (Periplaneta americana), die sich tagsüber gerne im Innern des Geweihfarns verstecken. Wenn Sie also den Eindruck haben, dass sich doch etwas bewegt hat an dieser ungeheuerlichen Pflanze, dann könnte es einer der heimlichen Bewohner gewesen sein. Es gibt also mehrere Gründe, nicht allzu lange unter diesem Giganten stehen zu bleiben.

Systematik:   Tüpfelfarngewächse (Polypodiaceae)
Heimat:   Ostafrika, Madagaskar, Komoren, Réunion, Mauritius
Standort:   Tropengewächshaus (Haus-13, „Verbinder“)

Literatur
Hennipman, E. & M.C.Roos (1982). A monograph of the fern genus Platycerium (Polypodiaceae). Verhandelingen der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Afd. Natuurkunde, Tweede Reeks 80: 1-126.
Hoshizaki, B.J. & R.C. Moran (2001). Fern Grower’s Manual. Timber - Portland, Oregon.
Kreier, H.-P. & H. Schneider (2006). Phylogeny and biogeography of the staghorn fern genus Platycerium (Polypodiaceae, Polypodiidae). American Journal of Botany 93(2): 217-225.
Troll, W. (1939). Vergleichende Morphologie der höheren Pflanzen 1/II: 1715 ff. Bornträger – Berlin.

Mikroskopische Aufnahme: Markus Jerominek (Stapelaufnahme aus 40 Einzelbildern, Leica MZ16)

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 30.09.2013