Maguey de Pulque

Agave salmiana Otto ex Salm-Dyck

Was für ein Schauspiel. Am 23. August 1712 erblühte im königlich preußischen Lustgarten von Köpenick eine Amerikanische Agave (Agave americana). Die Pflanze war 44 Jahre alt, und die Entwicklung des Blütenstandes hatte am 25. Mai begonnen. Nun war er 31 Fuß (etwa 9 Meter) hoch und trug an 44 Seitenästen insgesamt 7277 Blüten. Die wunderschöne Amerikanische Aloe, wie sie damals genannt wurde, stand im Zentrum des Gartens vor dem Köpenicker Schloss und war ein enormer Besuchermagnet. Täglich fuhren 40 bis 50 Kutschen vor, Schiffe mit Schaulisten kamen über die Spree, und unzählige Fußgänger flanierten vorbei. Auch der russische Zar Peter der Große soll sie bei einem Besuch in Berlin bewundert haben. Von der blühenden Agave wurden Einblattdrucke mit großformatigen Kupferstichen angefertigt, und das seltene Blühereignis ist in vielen zeitgenössischen Chroniken vermerkt.

Agaven sind eine faszinierende Pflanzengruppe. Ihre Blütenstände gehören zu den größten im Pflanzenreich, und ihre bizarre Erscheinung hat Botaniker und Pflanzensammler von jeher begeistert. Man kann Agaven heute in vielen wärmeren Regionen der Erde antreffen, ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich aber vom Süden der USA über Mexiko und die Karibik bis nach Venezuela. In ihrer heutigen Umschreibung, die auch auf molekularen Stammbäumen basiert, umfasst die Pflanzengattung rund 210 Arten mit einem klaren Verbreitungsschwerpunkt im Hochland von Mexiko. Agaven blühen auch in der Natur teils erst nach vielen Jahren und sterben danach ab. Jedoch vermehren sich viele Agaven auch vegetativ durch Ausläufer mit Tochterrosetten. Die Bestäubung ihrer Blüten erfolgt wie bei vielen großen Säulenkakteen vor allem durch Fledermausarten, die sich vom Nektar ernähren.

Mitte des 16. Jahrhunderts gelangten die ersten Agave-Pflanzen nach Europa. Es handelte sich zunächst vor allem um Exemplare der Amerikanischen Agave, die sich im Mittelmeergebiet schon bald auszubreiten begann. In den repräsentativen Gärten der europäischen Fürstenhäuser kam die neue exotische Pflanze, die damals noch als Aloe klassifiziert wurde, schnell in Mode. Im kühleren Mitteleuropa wurde sie in Kübeln gepflanzt und in den beheizten Orangerien oder Gewächshäusern überwintert, denn stärkeren Frost vertragen die Agaven nicht. Es war eine Sensation, wenn solch eine Pflanze nach vielleicht fünfzig oder mehr Jahren ihren Lebenszyklus mit einem bis zu zehn Meter hohen Blütenstand abschloss. In Europa war das zum ersten Mal 1583 im bischöflichen Garten von Pisa zu bewundern. Und in Deutschland gelangte erstmals 1626 im fürstlichen Lustgarten von Ansbach eine große Agave zur Blüte. Bis ins Jahr 1800 sind in Mitteleuropa, wo die Agaven im Gewächshaus überwintert werden müssen, 95 Blühereignisse dokumentiert. Nicht selten wurden aus diesem Anlass auch Münzen geprägt.

Im 19. Jahrhundert wurden dann immer mehr neue Agave-Arten nach Europa eingeführt. Da die Pflanzen, wenn überhaupt, erst nach vielen Jahren zur Blüten kamen, wurden neue Arten fast ausschließlich anhand von Blattmerkmalen klassifiziert. Eine klare Zuordnung dieser frühen Benennungen ist heute schwierig. Nach wie vor ist eine sichere Bestimmung der Pflanzen erst möglich, wenn sie blühen. Das gilt auch für die große Agave im Sukkulenten-Gewächshaus des Botanischen Gartens, die Anfang Januar 2014 mit der Bildung eines Blütenstandes begonnen hat. Anhand der Merkmale dieses Blütenstandes konnten wir die Pflanze, die zuvor untere einem falschen Namen lief, als eine Form der Agave salmiana bestimmen. Dieser Artname wurde erstmals 1842 in einer Auflistung der Agaven des königlichen botanischen Gartens in Berlin von dem dortigen Gartenmeister Friedrich Otto veröffentlicht. Eine wissenschaftliche Beschreibung folgte 1859 durch den Fürsten Josef zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, der ein begeisterter Amateurbotaniker war und in den Gärten seines Schlosses Dyck bei Neuss eine umfangreiche Sammlung von Kakteen und anderen sukkulenten Pflanzen unterhielt.

Die Agave salmiana ist eine der häufigsten Agaven im zentralmexikanischen Hochland. Sie wird seit Jahrtausenden von Menschen genutzt und kultiviert. In Mexiko ist sie unter dem Namen Maguey de pulque bekannt. Maguey ist die spanische Bezeichnung für Agaven, Pulque ist das traditionelle alkoholische Nationalgetränk Mexikos. Es wird hauptsächlich aus dem Saft dieser Agave hergestellt. Dazu werden bei ausgewachsenen Pflanzen die inneren Blätter herausgestochen. In der Vertiefung, die dadurch an der Spitze der Agave entsteht, sammelt sich ein milchig trüber Pflanzensaft, der abgeschöpft und in offene Bottiche gefüllt wird. Darin erfolgt innerhalb weniger Stunden durch Bakterien eine Fermentation, bei der Alkohol entsteht. Dieser fermentierte, etwas schleimige und säuerliche Agavensaft wird dann als Pulque bezeichnet. Wie Federweißer ist Pulque nicht lange haltbar und wird daher fast ausschließlich im Hochland von Mexiko getrunken. Bei den Azteken war der Genuss von Pulque den Priestern bei rituellen Handlungen vorbehalten. Nach der Eroberung durch die Spanier wurde Pulque allgemein zugänglich und im 19. Jahrhundert zu einem Massengetränk, das inzwischen aber wieder an Popularität verloren hat. Agaven-Schnaps – Mezcal und Tequila – ist heute von größerer Bedeutung.

Alter und Herkunft unserer Agave salmiana sind leider nicht dokumentiert. Als sie 1997 im Gewächshaus im Botanischen Garten gepflanzt wurde, hatte sie schon eine beachtliche Größe. Möglicherweise stammt sie noch aus der Anfangszeit des Botanischen Gartens in den 1950er Jahren. Auf alle Fälle ist es die erste große Agave, die im Botanischen Garten der Universität Mainz zur Blüte gelangt. Im Januar wuchs der Blütenstand zunächst mit etwa fünf Zentimeter pro Tag rasant in die Höhe. Zum Glück verlangsamte sich dieses Wachstum bis auf etwa einen Zentimeter pro Tag, so dass der Blütenstand erst Mitte April durch eine kleine Öffnung im Dach des Gewächshauses nach außen trat. Seither hat sich das Wachstum wieder beschleunigt und in einer Höhe von etwa 4 Metern zeigt sich nun der erste Seitenast des Blütenstandes. Damit ist die Entwicklung in die entscheidende Phase getreten. Wir rechnen damit, dass die Pflanze im Juni erblühen wird.

Wenn alles gut geht, wollen wir anlässlich der Agavenblüte dann ein kleines Fest veranstalten und damit an die kulturgeschichtliche Bedeutung dieser ungewöhnlichen Pflanzen erinnern. Wir sind gespannt, ob wir an das große Schauspiel im Köpenicker Schloss von 1712 anknüpfen können.

Über den aktuellen Stand können Sie sich gerne direkt im Sukkulenten-Gewächshaus informieren. Es ist täglich von 7:30 Uhr bis 15:30 Uhr (freitags bis 13:00 Uhr) geöffnet.

Systematik:    Agavengewächse (Agavaceae)
Heimat:    Hochland von Mexiko
Standort:    Sukkulenten-Gewächshaus (Haus-20)

Literatur
Baker, J. G. (1877). The genus Agave. The Gardeners‘ Chronicle (new series) 7: 718.
Gentry, H. S. (1982). Agaves of Continental North America. The University of Arizona Press, Tucson.
Good-Avila, S.V., V. Souza, B. S. Gaut & L. E. Eguiarte (2006). Timing and rate of speciation in Agave (Agavaceae). PNAS 103(24): 9124 9129.
Krausch, H.-D. (2003). “Kaiserkron und Päonien rot …” Entdeckung und Einführung unserer Gartenblumen. Dölling und Galitz Verlag.
Otto, F. (1842). Die Agave-Arten des königlichen botanischen Gartens zu Berlin im Jahre 1842. Allgemeine Gartenzeitung 7: 49‑51.
Salm-Dyck, J. (1895). Bemerkungen über die Gattungen Agave und Fourcroya nebst Beschreibung einiger neuen Arten. Bonplandia 7: 85‑96.
Stopp, K. (2001). Botanische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800. Band II. Wundergestalt, Missbildungen, exotische Pflanzen. Hieresmann - Stuttgart.
Ulrich, B. (1993). Agaven, Illustrationen blühender Exemplare bis 1900. Palmengarten Sonderheft 21 - Frankfurt.

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 25.04.2014

[Eine erste Beschreibung der Agave mit etwas anderem Schwerpunkt erfolgte als Objekt des Monats Februar auf den Seiten der Universitäts-Sammlungen]