Thymian-Seide

Cuscuta epithymum (L.) L.

Sie ist nicht sehr wählerisch. Gut, Gräser mag sie nicht so, aber sonst umschlingt sie fast alle Pflanzen in ihrer Nachbarschaft, wickelt sich mit ihren dünnen, blattlosen Trieben um sie, schraubt sich empor, verzweigt sich, greift auf Nachbarpflanzen über. Nein, kontaktscheu ist sie nicht. Das wäre auch fatal in ihrem Metier, denn die Thymian-Seide ist ein Parasit. Ein Vollparasit, um genau zu sein. Sozusagen ein Profi, wenn es darum geht, vollständig auf Kosten anderer zu leben. Denn sie bildet kein Chlorophyll mehr und betreibt praktisch keine Photosynthese. Auch Wurzeln hat sie nicht mehr, mit denen Sie Wasser aus dem Boden aufnehmen könnte. Stattdessen windet sie ihre bleichen, rötlichen Triebe um die Stängel einer Wirtspflanze und bildet an den Kontaktstellen Saugorgane, mit denen sie in das Gewebe der Wirtspflanze eindringt und eine Verbindung zu deren Leitbahnen herstellt. Gelingt dies, ist die Ernährung gesichert, und die Thymian-Seide kann blühen und Samen bilden. Danach stirbt sie ab.

Das Leben kann scheinbar so einfach sein. Aber nur scheinbar, denn in Wirklichkeit ist der Lebenszyklus der Thymian-Seide äußerst riskant. Nach der Keimung sind die fadenförmigen Pflänzchen nur wenige Tage alleine lebensfähig. Sie müssen so schnell wie möglich einen passenden Wirt finden, bevor die Reservestoffe aus den nur knapp 1 mm großen Samen aufgebraucht sind. Damit das gelingen kann, ist eine präzise Kontrolle bei der Keimung der Samen erforderlich. Die klimatischen Bedingungen müssen stimmen, und die potentiellen Wirtspflanzen müssen junge saftige Stängel besitzen.

Wenn wir Kulturpflanzen im Garten aussäen, sind wir gewohnt, dass sie bald danach zuverlässig keimen. Sie sind so gezüchtet, dass die Samen bei Wärme und Feuchtigkeit sofort mit der Keimung beginnen - und zwar möglichst alle Samen auf einmal. Es ist dann unsere Aufgabe, durch regelmäßiges Gießen und Jäten für die kleinen Pflänzchen zu sorgen. Für Wildpflanzen, die nicht auf die Hilfe des Menschen vertrauen können, wäre es fatal, wenn alle Samen so leicht keimen würden. Denn folgt danach eine Trockenheit, könnten alle Nachkommen eingehen. Einjährige Arten wären dann vollkommen erledigt. Nein, die Keimung ihrer Samen darf nur erfolgen, wenn die Bedingungen in der Natur die bestmögliche Chance für das Überleben der empfindlichen Keimlinge bieten. Und da es dafür keine absolute Sicherheit geben kann, dürfen niemals alle Samen gleichzeitig keimen.

In den Samen der Thymian-Seide, die als einjähriger Parasit in dieser Hinsicht besonders empfindlich ist, gibt es zwei Mechanismen, die das Risiko einer Keimung zum falschen Zeitpunkt verringern. Wenn die reifen Samen im Herbst auf den Boden fallen, ist ihre Samenschale aufgrund einer festen, inneren Schutzschicht völlig wasserdicht. Dadurch können die Samen nicht quellen, was Voraussetzung für eine Keimung wäre. Hinzu kommt eine physiologische Samenruhe, deren Ursachen nicht genau bekannt sind. Selbst wenn Wasser durch die Samenschale gelangte, würde der Embryo im Herbst noch nicht reagieren. Erst durch eine mehrwöchige Kältephase mit Temperaturen zwischen 0°C und 5°C wird die physiologische Hemmung der Keimung aufgehoben. Dadurch wird sichergestellt, dass die Samen erst bei steigenden Temperaturen im Frühling keimen können, wenn auch die Wirtspflanzen mit dem Wachstum begonnen haben. Nach dem ersten Winter wird aber nur bei einem Teil der Samen die harte Samenschale bereits so durchlässig sein, dass Wasser eindringen kann. Nur diese Samen keimen. Die übrigen bilden im Boden eine Samenbank, die es ermöglicht, dass die Thymian-Seide, auch wenn sie bereits mehrere Jahre verschwunden war, unter günstigen Bedingungen plötzlich wieder auftauchen kann.

Solche parasitischen Pflanzen in einem Botanischen Garten zu zeigen, ist nicht immer einfach. Da viele Cuscuta-Arten aber auch als Schädlinge in der Landwirtschaft auftreten, kann man zumindest einige von ihnen mit den passenden Nutzpflanzen aussäen und in Beeten kultivieren. Wir zeigen die Thymian-Seide allerdings so, wie sie auch in der Natur vorkommt, nämlich auf unserer Biotopanlage mit Pflanzen des Mainzer Sandes. Die Samen der Thymian-Seide haben wir 2007 auf dem Mainzer Sand gesammelt und direkt auf unserer Biotopanlage ausgestreut. Es dauerte vier Jahre, bis wir erstmals den Parasiten bemerkten. Seither hat er sich von Jahr zu Jahr etwas stärker entwickelt. Trotz seines Namens, befällt er den Sand-Thymian auf unserer Anlage kaum. Stattdessen bevorzugt er bei uns die Steppen-Wolfsmilch, den Feld-Beifuß und das Sonnenröschen. In der Natur kommt die Thymian-Seide auf Magerasen und im nördlichen Mitteleuropa auf Calluna-Heiden vor. In den Heidekrautpflanzen kann die Seide sogar überwintern und im Frühjahr aus dem Holz neu austreiben.



Systematik:   Windengewächse (Convolvulaceae)

Heimat:    Europa, NW-Afrika, Westasien
Standort:    Naturlandschaften – Mainzer Sand



Literatur

Kuijt, J. (1969). The biology of parasitic flowering plants. Berkeley, University of Californica Press.
Meulebrouck, K., E. Ameloot, J.A. Van Assche, K. Verheyen, M. Hermy, and C.C. Baskin (2008). Germination ecology of the holoparasite Cuscuta epithymum. Seed Science Research 18: 25-34.


Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 30.07.2014