Weihnachtskaktus

Schlumbergera truncata (Haw.) Moran.

Keine Pflanze passt so gut zu Weihnachten wie dieser eigenartige Kaktus. Nicht der sperrige, nadelnde Tannenbaum und auch nicht der feierlich bis kitschige Weihnachtsstern. Beide landen ohnehin spätestens nach den Weihnachtsferien auf dem Kompost. Nein, da ist ein Weihnachtskaktus geradezu nachhaltig. Ihn kann man jahrzehntelang kultivieren und in der Familie von Generation zu Generation weiterreichen. Die Pflege ist relativ einfach, und wenn man weiß worauf es ankommt, wird man ihn auch passend zu Weihnachten zur Blüte bekommen. Über die Jahre kann er zu einer stattliche Pflanze heranwachsen, von der man jedem Weihnachtsbesuch gerne einen kleinen Steckling abgeben kann. So ähnlich muss das früher schon mal gewesen sein, denn wie sonst konnte es bei allen Omas und Opas, Tanten und Onkeln so einen Kaktus geben. Oft sah der zwar recht traurig aus, aber das muss nicht so sein.

Die Geschichte des Weihnachtskaktus als populäre Zimmerpflanze begann etwa im Jahre 1850. Damals gelang es dem englischen Gärtner Wilbraham Buckley in Tooting, einem südlichen Vorort von London, zwei bis dahin noch kaum bekannte und in der Kultur zum Teil etwas heikle Kakteenarten miteinander zu kreuzen. Beide Ausgangsarten, Schlumbergera truncata und Schlumbergera russelliana sind in den feuchten, tropischen und subtropischen Wäldern im Südosten Brasiliens beheimatet. Am stärksten verbreitet sind sie in der Serra dos Órgãos, einem bizarren Gebirgszug nordwestlich von Rio de Janeiro. Die Schlumbergera-Arten wachsen wie die mit ihnen verwandten Rhipsalis-Arten epiphytisch auf Bäumen, seltener auch auf Felsen. Schlumbergera truncata war bereits im Jahr 1818 auf nicht mehr nachvollziehbaren Wegen in die Botanischen Gärten Kew bei London gelangt. Als sie im darauffolgenden Jahr blühte, wurde sie als neue Pflanzenart beschrieben. Die in der Natur seltenere Schlumbergera russelliana wurde 1837 von dem schottischen Botaniker George Gardner in der Serra dos Órgãos entdeckt. Zwei Jahre später wurde sie ebenfalls nach England eingeführt. Beide Arten sind eng miteinander verwandt und lassen sich leicht miteinander kreuzen. In der Natur ist die Wahrscheinlichkeit dafür allerdings gering, denn Schlumbergera russelliana wächst in Höhen von etwa 1350 m bis 2000 m, während Schlumbergera truncata nur bis in Höhen von etwa 1000 m vorkommt. Zudem unterscheiden sich die Blühzeiten: Schlumbergera truncata blüht in Brasilien von Mai bis Juni, Schlumbergera russelliana dagegen erst von Juli bis September. Ihre Blüten werden vorwiegend von Kolibris bestäubt.

Als Zierpflanze ist Schlumbergera truncata vielleicht etwas attraktiver, denn ihre Wuchsform ist aufrechter, und die Blüten hängen nicht einfach herab, sondern stehen fast rechtwinklig von den hängenden Sprossgliedern ab. Für einen guten Weihnachtskaktus ist der Blühzeitpunkt dieser Wildart allerdings etwas zu früh, sie blüht bei uns bereits ab Oktober. Da passt Schlumbergera russelliana besser, sie blüht bei uns von Dezember bis Januar. Aber diese Wildart ist empfindlicher in der Kultur und mit ihren regelmäßigen, herabhängenden Blüten etwas weniger dekorativ. Das dachte wohl auch Wilbraham Buckley, als er um 1850 zwei Wildformen dieser Arten erfolgreich miteinander kreuzte und damit die Grundlage für den ersten großen Boom des Weihnachtskaktus in der viktorianischen Zeit geschaffen hat. Alle Nachkommen dieser und späterer Kreuzungen zwischen den beiden Arten erhielten ihm zu Ehren den botanischen Namen Schlumbergera x buckleyi. Da inzwischen die komplexe Kreuzungsgeschichte moderner Sorten aber kaum mehr rekonstruiert werden kann, verwendet man meist nur noch den Gattungsnamen Schlumbergera gefolgt von der Sortenbezeichnung. Bedauerlicherweise wird diese Sortenbezeichnung im Handel aber kaum angegeben. Wenn man heute einen Weihnachtskaktus kauft, steht auf dem Etikett meist nur Schlumbergera-Hybride. 

Die frühen Kulturformen des Weihnachtskaktus sind leider kaum mehr erhalten. Nachlassendes Interesse an dieser Pflanzengruppe und die beiden Weltkriege ließen die meisten alten Sorten verschwinden. Wer heute noch einen Weihnachtskaktus kultiviert, der aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder aus noch früherer Zeit stammt, hat eine echte Rarität. So ein Vintage-Weihnachtskaktus sollte heute wieder gut in die Zeit passen. Aber auf solche Details wird beim aktuellen Vintage-Trend kaum geachtet. Natürlich ist die Züchtung inzwischen auch weitergegangen. Zum Teil wurden weitere Schlumbergera-Arten eingekreuzt, vor allem aber auch neu entdeckte Wildformen der bereits in der Natur sehr variablen Schlumbergera truncata in die Züchtungsprogramme aufgenommen. Dadurch konnte das Farbspektrum der Blüten deutlich erweitert werden. Es gibt heute neben den klassischen roten oder purpurfarbenen auch weiße, orangefarbene oder gelbe Blüten, daneben auch Sorten, deren Blütenblätter innen weißlich und am Rand beispielsweise leuchtend rot gefärbt sind. Neben der Farbe und Größe der Blüte ist das wichtigste Züchtungsziel heute eine möglichst kompakte, etwas aufrechte und nur leicht überhängende Wuchsform. Insgesamt sind inzwischen über 1.000 verschiedene Sorten bekannt. Ein komplettes Register gibt es allerdings nicht. Es ist daher äußerst schwierig, den korrekten Sortennamen eines Weihnachtskaktus nachträglich zu ermitteln.

Apropos Farben. Die leuchtenden Blütenfarben der Kakteen gehören zu einer besonderen chemischen Stoffgruppe, den Betalainen. Sie kommen nur in einem relativ kleinen Verwandtschaftskreis vor, zu dem neben den Kakteen z.B. die Mittagsblumen, aber auch die Gänsefußgewächse gehören. In diese letztgenannte Pflanzenfamilie gehört die Rote Beete, deren Farbstoff ebenfalls ein Betalain ist. Bei allen anderen Blütenpflanzen werden rote Blütenfarben durch Anthocyanine hervorgerufen, die auch für die roten Herbstfärbungen bei Laubbäumen verantwortlich sind. Die Blütenfarben der Kakteen und Mittagsblumen erhalten durch die Betalaine einen speziellen Charakter, da sind sich die Liebhaber dieser Pflanzengruppen sicher. Neben den roten und purpurnen kommen auch gelbe Betalaine vor, und unterschiedliche Mischungen dieser beiden Hauptkomponenten bestimmen das Farbspektrum der Blüten auch beim Weihnachtskaktus. Fehlen die Betalaine, sind die Blüten weiß.

Aber wie bekommt man nun seinen Weihnachtskaktus pünktlich zum Fest zur Blüte. Dafür gibt es in der Gartenliteratur reichlich Kulturanleitungen. Den Sommer verbringt der Weihnachtskaktus am besten im Freien. Aber Vorsicht, eine Schlumbergera ist kein Wüstenkaktus, also nicht in die pralle Sonne und regelmäßig aber nicht übermäßig gießen! Ein guter Platz für den Sommer wäre etwa ein Hängetopf in einem Laubbaum: leicht schattig und schön luftig. Die Steuerung der Blütenbildung richtet sich bei Schlumbergera offenbar sowohl nach der Tageslänge als auch nach der Temperatur. Mit den kürzer werdenden Tagen beginnt bei uns in der Regel Ende September oder Anfang Oktober die Bildung der Blütenknospen. Nun kommt der Weihnachtskaktus zurück in die Wohnung an einen hellen aber nicht zu warmen Platz (ideal wären 17 bis 20 °C). Wenn alles gut geht, dauert es bis zur Blüte jetzt noch zweieinhalb bis drei Monate. Während der Knospenbildung sollte der Standort aber nicht mehr gewechselt werden, denn durch die veränderten Bedingungen können die Knospen abgeworfen werden. Und wie stünden Sie dann da an Weihnachten, wenn alle kommen, um Ihre prachtvolle Schlumbergera zu bewundern? Am Ende müssten Sie doch wieder einen dieser fragwürdigen Weihnachtssterne anschleppen.


Systematik    Kakteen (Cactaceae)
Heimat    Brasilien
Standort    Gewächshausbereich


Literatur
Calvente, A., D.C. Zappi, F. Forest et L.G.Lohmann (2011). Molecular phylogeny of tribe Rhipsalideae (Cactaceae) and taxonomic implications for Schlumbergera and Hatiora. Molecular Phylogenies and Evolution 58: 456-468.
Hofacker, A. (2013). Schlumbergera truncata – der Kaktus des Jahres 2014. Kakteen und andere Sukkulenten 64(12): 309-315.
Maatsch, R. (1960) Zygocactus K. Schum. Seiten 116-117. In Encke, F. (Hrsg.) Pareys Blumengärtnerei. Beschreibung, Kultur und Verwendung der gesamten gärtnerischen Schmuckpflanzen. Paul Parey – Berlin, Hamburg.
McMillan, A.J.S. & J.F. Horobin (1995). Christmas Cacti. The genus Schlumbergera and its hybrids. Editetd by D. Hunt & N. Taylor, Royal Botanic Gardens Kew.

Meier, E. (1989). Weihnachtskakteen. Kaktusblüte: 11-16. Hrsg. Verein der Kakteenfreunde Mainz/Wiesbaden und Umgebung.
United States Plant Patent Application Publication US 2009/0070905 P1. SCHLUMBERGERA PLANT NAMED 'SAMBA BRAZIL'.


Text und Fotos  Dr. Ralf Omlor  |  05.12.2014