Palisaden-Wolfsmilch

Euphorbia characias ssp. wulfenii (Koch) A.R.Sm.

Nach der römischen Mythologie wurden die Gründer der Stadt Rom, die Zwillinge Romulus und Remus, von einer Wölfin gesäugt, nachdem sie, ausgesetzt in einem Weidenkorb, am Ufer des Tiber gestrandet waren. Hat diese Geschichte etwas mit unserer Pflanze der Woche zu tun? Haben die Säuglinge vielleicht in Wirklichkeit gar nicht an der Wölfin sondern an den Stängeln unserer Pflanze genuckelt und dadurch überlebt? Wohl kaum. Hätten sie vom Milchsaft unserer Pflanze getrunken, hätten sich andere Helden um die Stadtgründung kümmern müssen. Denn die Wolfsmilch-Arten sind fast alle giftig. Und auf diese Giftigkeit bezieht sich der deutsche Name „Wolfsmilch” für die Pflanzengattung Euphorbia, die weltweit mehr als 2400 Arten umfasst. Darunter sind viele, die man leicht mit Kakteen verwechseln kann.

Unsere Pflanze stammt aus dem östlichen Mittelmeergebiet. Das Verbreitungsgebiet dieser Unterart mit dem wissenschaftlichen Namen Euphorbia characias ssp. wulfenii reicht von Slowenien bis in den Westen der Türkei. Im westlichen Mittelmeergebiet kommt die etwas kleinere Unterart Euphorbia characias ssp. characias vor. Wie bei allen Wolfsmilcharten sind die einzelnen Blüten sehr stark reduziert und bilden zu mehreren eine Einheit, die als Cyathium bezeichnet wird. Dieses besteht aus einer becherförmigen Hülle, mehreren männlichen Blüten aus je einem Staubblatt und einer zentralen weiblichen Blüte. Die sichelförmigen Gebilde am Grunde des Bechers sind Nektardrüsen.

Die Palisaden-Wolfsmilch ist heute eine bedeutende Zierpflanze, von der es unzählige Kulturformen gibt. Die immergrüne Pflanze benötigt allerdings einen milden und sonnigen Standort mit durchlässigem Boden. Abgesehen von ihrer Schönheit hat unsere Wolfsmilch offenbar keinen praktischen Nutzen mehr, auch medizinisch wird sie nicht verwendet. Die Römer, deren Stadtväter zum Glück nicht von der Pflanze gekostet hatten, wussten allerdings etwas mit ihr anzufangen: Unsere Wolfsmilch ist die berühmte „Thithymallus-Pflanze”, von der Plinius der Ältere um 50 n. Chr. berichtet. Ihr Milchsaft wurde als Geheimtinte verwendet. Die Schrift wurde unsichtbar, sobald der Milchsaft getrocknet war und erst bei Erhitzung des Pergamentes wieder sichtbar.

 

Systematik: Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae)

Heimat: Östliches Mittelmeergebiet

Standort: Alpinum

 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 17.03.2008