Rote Rosskastanie

Aesculus x carnea Hayne

Die Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.) kennt jedes Kind. Sie ist mit ihren herrlichen Blütenständen und ihren dicken, glänzenden Samen einer der beliebtesten Parkbäume. Ihre Heimat erstreckt sich von Albanien, Mazedonien und Griechenland bis zum Himalaja. Mitte des 16. Jahrhunderts kam sie als Zierpflanze über Konstantinopel und Wien nach Mitteleuropa. Mehr als 300 Jahre lang war sie als robuster und äußerst attraktiver Baum geschätzt. Doch seit Ende der 1990er Jahre wird die Gewöhnliche Rosskastanie stark von der Kastanien-Miniermotte geschädigt. Der Befall führt zu braunen Fraßgängen im Inneren der Blätter und lässt die Kastanien oft schon im August ihre Blätter verlieren. Ein Ende dieses Befalles ist nicht in Sicht.

Wer dennoch Rosskastanien pflanzen möchte, kann auf die ebenfalls sehr attraktive Rote Rosskastanie (Aesculus x carnea Hayne) ausweichen. Sie ist eine um 1818 in Europa gezüchtete Kreuzung aus der Gewöhnlichen Rosskastanie und der im Süden der USA beheimateten Pavie (Aesculus pavia L.). Wie die Pavie ist die Rote Rosskastanie gegen die Miniermotte bisher weitgehend resistent. Im Eingangsbereich des Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz kann man in diesen Tagen alle drei Arten blühend nebeneinander sehen und sie mit weiteren Rosskastanien aus Nordamerika und Ostasien vergleichen. Die Pavie ist von all diesen Arten in Mitteleuropa die seltenste. Sie zählt zu den Besonderheiten im Mainzer Botanischen Garten.

Wenn man die Rote Rosskastanie mit ihren Elternarten vergleicht, erkennt man leicht, dass sie mit ihren Merkmalen zwischen der Gewöhnlichen Rosskastanie und der Pavie steht. Während die Gewöhnliche Rosskastanie ein bis zu 30 m hoher Baum wird, ist die Pavie ein nur 4-8 m hoher Strauch oder kleiner Baum. Die Rote Rosskastanie wird je nach Sorte etwa 10 bis 25 m hoch. Interessant sind aber vor allem die Blütenmerkmale: Die Gewöhnliche Rosskastanie hat weiße, offene Blüten mit einem zunächst gelben, später roten Farbfleck am Grunde der beiden oberen Blütenblätter. Der Farbfleck signalisiert Bienen und Hummeln, ob in der Blüte Nektar vorhanden ist. Gelb bedeutet, „hier gibt es Nektar, Blüte bitte besuchen“, Rot bedeutet dagegen „diese Blüte ist bereits bestäubt, Nektarproduktion eingestellt.“ Die roten Blüten der Pavie zeigen diese Signale nicht. Die Blütenblätter bleiben auch dicht beisammen und entfalten sich nicht. Das ist auch nicht erforderlich, denn in ihrer Heimat wird die Pavie vorwiegend von Kolibris bestäubt, die nicht in die Blüte hineinkriechen müssen. Die Rote Rosskastanie ist in ihren Blütenmerkmalen näher an der Gewöhnlichen Rosskastanien. Sie zeigt ebenfalls den Farbwechsel, der hier allerdings nicht so auffällig ist, da die Blüten wie bei der Pavie eine rötliche Grundfarbe besitzen.

Die Früchte der Roten Rosskastanie sind nur leicht bestachelt. Die darin enthaltenen Samen sind keimfähig, was bei Kreuzungen zwischen zwei Arten nicht selbstverständlich ist, und bringen einheitlich rote Rosskastanien hiervor. Bei Kreuzungen führen die Unterschiede der Chromosomensätze der beiden Elternarten meist zu Schwierigkeiten bei der Fortpflanzung. Bei der Roten Rosskastanie ist es jedoch zu einer Verdopplung der Chromosomensätze gekommen. Sie ist also „tetraploid“, und wer möchte, kann sie selbst aus Samen heranziehen.

 

Systematik: Seifenbaumgewächse (Sapindaceae)

Heimat: Gartenzüchtung

Standort: „Treffpunkt für Führungen“ vor dem Institut für Spezielle Botanik im Eingangsbereich des Botanischen Gartens.

 

Text und Fotos: Ralf Omlor | 09.05.2008