Taschentuchbaum

Im April 1899 brach Ernest Henry Wilson im Auftrag der englischen Gärtnerei James Veitch & Son nach China auf, um neue Zierpflanzen für die heimischen Park- und Gartenanlagen zu sammeln. Sein Hauptaugenmerk sollte dabei dem Taschentuchbaum (Davidia involucrata) gelten, einem prachtvollen Baum, der drei Jahrzehnte zuvor von dem französischen Missionar und Naturforscher Abbé Pierre Armand David in der chinesischen Provinz Sichuan nahe der Grenze zu Tibet entdeckt worden war.

David hatte nach der erzwungenen Öffnung Chinas zwischen 1866 und 1873 drei Sammelreisen in den nordwestlichen Provinzen des Landes unternommen und als erster Europäer den großen Pandabären zu Gesicht bekommen. Seine herbarisierten Pflanzen schickte er zur Bearbeitung an das Naturkundemuseum in Paris. Dort wurde 1888 ein zweibändiges Werk mit seinen in China gesammelten Pflanzen herausgegeben, in dem der Taschentuchbaum farbig abgebildet und sein Fundort beschrieben war.

Im selben Jahr wurde der Taschentuchbaum von Augustine Henry ein zweites Mal entdeckt. Henry war im Dienste der chinesischen Zollbehörde, die seit 1857 von Briten geleitet wurde, am Jangtse in Zentralchina stationiert. Auf einer Expedition in die Gebirgsregionen Sichuans fand er einen einzelnen Taschentuchbaum und sammelte zum ersten Mal auch dessen Früchte. Henry schickte seine Pflanzen nach Kew, dem bedeutendsten Botanischen Garten Englands, wo sie untersucht und klassifiziert wurden.

Spätestens jetzt mußte die Gärtnerei Veitch, die in langer Tradition „Pflanzenjäger“ in alle Teile der Welt geschickt hatte und gute Verbindungen zu den Botanikern in Kew unterhielt, auf diesen Baum aufmerksam geworden sein. Aber erst 1898 entschied man sich, einen Sammler nach Zentralchina zu entsenden. Die Wahl fiel auf den 23jährigen Ernest Henry Wilson, der am Botanischen Garten Birmingham eine Ausbildung zum Gärtner gemacht und gerade in Kew einen weiteren Kurs absolviert hatte. Wilson, der keinerlei Auslandserfahrung hatte, wurde bei Veitch & Son in sechs Monaten auf seine Mission vorbereitet.

Ernest Wilson reiste im April 1899 mit dem Schiff von Liverpool nach Nordamerika, durchquerte den Kontinent mit der Bahn und schiffte sich in San Franzisko nach China ein. Wegen einer Seuche konnte er in Hongkong nicht an Land gehen und mußte seine Reise nach Hanoi im heutigen Vietnam ohne Dolmetscher fortsetzen. Von dort gelangte er nach Yunnan, wo er mit Augustine Henry zusammentraf und eine skizzierte Karte mit dem Standort des von diesem in Sichuan gefundenen Taschentuchbaumes erhielt. Im April 1900 erreichte Wilson über Ichang in der Provinz Hubei endlich den auf der Karte markierten Punkt. Aber er mußte feststellen, dass der Baum am beschriebenen Fundort inzwischen gefällt war. Seine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Zurück in der Provinz Hubei erkundete er die Umgebung der Stadt Ichang und entdeckte dabei eine Kletterpflanze mit essbaren Früchten, die uns heute als Kiwi (Actinidia chinensis) bekannt ist. Überraschend fand Wilson im Mai 1900 in dieser Region auch einen blühenden Taschentuchbaum.

Mit einer großen Anzahl Davidia-Samen und zahlreichen weiteren Pflanzen kehrte Wilson im April 1902 nach England zurück. Der große Erfolg der Reise wurde zunächst dadurch getrübt, dass die Samen nicht keimten und in der Zwischenzeit in Paris die Aufzucht eines Taschentuchbaumes gelungen war. Nach mehreren Monaten gelang es der Gärtnerei Veitch dann aber doch, Keimlinge in großer Zahl heranzuziehen. Ernest Wilson unternahm in den folgenden Jahren drei weitere Expeditionen nach China und zwei Reisen nach Japan. Er wurde, was die Einführung neuer Pflanzen in die Gartenkultur anbelangt, zum bedeutendsten Sammler für diese Region. Nach Abschluß seiner Sammeltätigkeit arbeitete Wilson am Arnold Arboretum der Harvard University in Massachusetts, dessen Leitung er 1927 übernahm. Nur drei Jahre später kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Text: - Botanischer Garten

Davida - Taschentuchbaum

Der Blütenstand des Taschentuchbaums (Davidia involucrata) bildete die Vorlage für das Logo des Botanischen Gartens.


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