Hain-Sommerwurz

Orobanche lucorum F.W. Schultz

Parasitische Pflanzen lassen sich oft nur schwer kultivieren. Sie benötigen spezielle Wirtspflanzen, und das Eindringen in das Gewebe des Wirtes ist ein kritischer Prozess, der nur unter idealen Bedingungen gelingt. Um so erfreulicher ist es, wenn sich eine parasitische Pflanze spontan etabliert. Das vor einem Jahr entdeckte und nun sehr individuenreiche Vorkommen der Hain-Sommerwurz (Orobanche lucorum) im Arboretum des Botanischen Gartens ist so ein Beispiel. Es zeigt zudem zwei völlig überraschende Aspekte: Zum einen ist diese Sommerwurzart nur in den Alpen beheimatet und schon seit drei Jahren im Botanischen Garten nicht mehr in Kultur. Ihre winzigen Samen, die nur etwa 0,001 mg schwer sind, werden leicht mit dem Wind verbreitet. Sie müssen vor mindestens drei Jahren an diese Stelle gelangt und auf den Wurzeln ihres Wirtes gekeimt sein. Die zweite Besonderheit betrifft die Wirtspflanze. Sommerwurzarten besitzen oft eine sehr enge Wirtsbindung, zum Teil können sie offenbar nur eine einzige Pflanzenart befallen. Bei der Hain-Sommerwurz ist das in der Regel die Gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris), nur sehr selten tritt sie wohl auch auf Brombeer- oder Weißdornarten auf. Im Botanischen Garten hat sie eine ihr völlig unbekannte chinesische Berberitze (Berberis amurensis) befallen.

Weltweit gibt es etwa 150 Sommerwurzarten (Gattung Orobanche), wobei der Schwerpunkt der Verbreitung auf den warmen und gemäßigten Regionen der Nordhemisphäre liegt. In Deutschland kommen etwa 26 Arten vor, die meisten von ihnen sind selten. Auf den ersten Blick sind Sommerwurzarten leicht mit parasitischen Orchideen, etwa mit Nestwurzarten, zu verwechseln, mit denen sie aber nicht verwandt sind. Alle Sommerwurzarten sind Vollschmarotzer, die kein Chlorophyll und entsprechend keine grünen Blätter bilden. Sie ernähren sich ausschließlich von ihren Wirtspflanzen, deren Wurzeln sie anzapfen. Dazu müssen die staubfeinen Samen durch das Erdreich bis zu den Wurzeln der Wirtspflanze gespült werden. Ein chemischer Stoff der Wirtswurzel regt dann die Keimung der Samen an. Aus den Samen wächst ein feiner Zellfaden, der in die Wurzel des Wirtes eindringt und eine Verbindung mit dem Leitgewebe der Wurzel herstellt. Nun kann die Sommerwurz Wasser und Nährstoffe aus der Wirtspflanze entnehmen und eine Knolle außerhalb der Wurzel bilden. Die Knolle ist von Schuppenblättern umgeben und bildet nach einigen Monaten oder Jahren einen Blütenstand. Nach Bildung der Samen (etwa 100.000 pro Pflanze) stirbt die Sommerwurz häufig ab. Zum Teil bleibt in der Wurzel der Wirtspflanze aber Gewebe der Sommerwurz zurück, das im nächsten Jahr dann eine neue blühende Pflanze bilden kann.

 

Systematik: Sommerwurzgewächse (Orobanchaceae)

Heimat: Bayerische Alpen, Tirol

Standort: Arboretum Feld 8

 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 13.06.2008

Habitus

Überraschender Gast: die Hain-Sommerwurz im Arboretum.

Blütenstand mit Ameisen

Ameisen naschen vom Nektar der Blüten.

Ansicht ins Erdreich

Die Sommerwurz lebt auf den Wurzeln einer Berberitze.

Wurzeln

Der Pfleil zeigt die Verbindungsstelle zwischen der Sommerwurz (orangene Wurzeln) und der gelblichen Berberitzen-Wurzel.


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