Ameisenpflanzen

Tococa guianensis Aublet

Pflanzen scheinen passive Lebewesen zu sein, die stoisch an ihrem Standort ausharren bis sie irgendwann gefressen oder ausgerissen werden oder einfach aufgrund der Witterung absterben. Man hält sie für autarke Einheiten, die sich im Gegensatz zu Tieren vollständig selbst versorgen können und nicht auf die Nutzung anderer Organismen angewiesen sind. Das ist aber eine völlig falsche Vorstellung. Fast alle Pflanzen leben mit Pilzen zusammen, um ausreichend Wasser und Nährsalze aufnehmen zu können. Einige bilden Lebensgemeinschaften mit Bakterien, um eine bessere Stickstoffversorgung zu erhalten, andere fangen und verdauen gar Insekten, um an die lebenswichtigen Stickstoffverbindungen zu gelangen. Und die meisten Pflanzen sind entweder bei der Bestäubung oder bei der Ausbreitung ihrer Samen auf Tiere angewiesen.

Besonders deutlich werden die komplexen Abhängigkeiten am Beispiel der Ameisenpflanzen. Weltweit sind mehr als 420 Pflanzenarten bekannt, die in enger Gemeinschaft mit Ameisen leben. Eine davon ist Tococa guianensis - einen deutschen Namen hat sie bisher nicht. Sie ist eine von 47 Arten der Gattung Tococa, die alle in Mittel- und Südamerikas beheimatet sind. Unsere Tococa guianensis ist die häufigste Art der Gattung, sie ist vom Süden Mexikos bis nach Bolivien und in den Osten Brasiliens verbreitet. Man kann sie im Tieflandregenwald des Amazonas antreffen, aber auch in den Bergwäldern Ecuadors bis in Höhen von 1600 m. Man könnte die Tococa für einen ganz gewöhnlichen Strauch halten, wären da nicht die auffälligen Verdickungen am Grunde der Blätter. Bei diesen blasenartigen Gebilden handelt es sich um Domatien.

Domatien sind besonders geschützte Bereiche an Pflanzen, die von Milben oder Ameisen bewohnt werden. In Mitteleuropa leben nur Milben in Domatien, in den Tropen auch Ameisenarten. Bei unserer Tococa sind die Domatien in zwei Kammern unterteilt, die über kleine Öffnungen auf der Blattunterseite zugänglich sind. Im Gewächshaus bleiben sie meist unbewohnt, in ihrer Heimat werden sie aber fast immer von verschiedenen Ameisenarten besiedelt. Das ist im Interesse der Pflanze, denn die Ameisen, die Ihren Lebensraum engagiert verteidigen, schützen die Tococa vor Raupen oder Blattschneideameisen, die sich von Blättern ernähren. Einige Ameisenarten gehen sogar so weit, sämtliche anderen Pflanzen im Umfeld ihrer Tococa zu zerstören. Dadurch kann die Tococa, die sich auch über Ausläufer vermehrt, großflächige Reinbestände bilden. Von der Lebensgemeinschaft profitieren beide, die Pflanze wird vor Fraßfeinden und Konkurrenten geschützt, und die Ameisen erhalten eine exklusive Wohnung. Isoliert betrachtet, kann man weder die Ameisen noch die Tococa begreifen.


Systematik: Schwarzmundgewächse (Melastomataceae)

Heimat:  Vom Süden Mexikos bis Bolivien

Standort: Tropenhaus (Haus 1)


Literatur:

Michelangeli, F.A. (2003). Ant protection against herbivory in three species of Tococa (Melastomataceae) occupying differnt envirenments. Biotropica 35(2): 181-188.

Michelangeli, F.A. (2005). Tococa (Melastomataceae). Flora Neotropica Monograph 98.

Renner, S. et R.E. Ricklefs (1998). Herbicidal activity of domatia-inhabiting ants in patches of Tococa guianensis and Clidemia heterophylla. Biotropica 30(2): 324-327.  

 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 30.10.2009.