Pockholz

Guaiacum officinale L.

Der Pockholz- oder Guajak-Baum, unsere Februar-Pflanze im „Internationalen Jahr der Wälder 2011“, stammt aus den tropischen Trockenwäldern Mittelamerikas. Diese Waldformation, die ursprünglich weite Teile Mittelamerikas und der Westindischen Inseln bedeckte, ist heute stark gefährdet und nur noch in Fragmenten erhalten. Anders als in den immergrünen Regenwäldern gibt es in den tropischen Trockenwäldern eine mehrmonatige Trockenzeit, in der viele Baumarten ihre Blätter abwerfen. Unser Pockholz-Baum ist allerdings eine immergrüne Baumart, mit ihren ledrigen Blättern ist sie gut an die Trockenperioden angepasst. Doch diese Anpassung nützt wenig, denn zusätzlich zur Zerstörung ihres Lebensraums ist die Baumart durch die Übernutzung ihrer Bestände bedroht. Denn Pockholz ist ein besonders wertvolles Tropenholz, es ist das härteste und eines der schwersten kommerziell genutzten Hölzer. Zudem enthält es große Mengen an Harzen, die dem Holz besondere mechanische Eigenschaften geben. So können aus ihm selbstschmierende Wellenlager für den Schiffbau oder hochwertige Hobelsohlen, aber auch Kegelkugeln hergestellt werden. Da der Pockholz-Baum durch den kommerziellen Handel gefährdet ist, wurde er im Jahr 2002 unter die Kontrolle des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) gestellt.

Damit könnte das Pflanzenporträt beendet sein, aber der aufregendste Teil folgt erst, denn der Pockholz-Baum spielt eine wichtige Rolle in der Medizingeschichte. Es beginnt mit der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus. Auf der Rückreise von der Insel Hispaniola, im Jahre 1493, müssen bei Mitgliedern der Besatzung Zeichen einer Geschlechtskrankheit aufgetreten sein, die sich in Europa zu Beginn des 16. Jahrhunderts epidemisch ausbreiten wird. Es handelt sich um eine neue, besonders virulente Form der Syphilis, gegen die in Europa keine Resistenzen bestehen und kein Kraut gewachsen ist. Die Behandlung erfolgt zunächst vor allem mit Quecksilbersalben. Aber die Nebenwirkungen sind gefürchtet, und es gelingt allenfalls eine zeitweise Linderung der nach Jahren meist tödlich verlaufenden Infektion. Als Alternative zum Quecksilber taucht sehr bald eine Heilpflanze aus Mittelamerika auf. Eine spezielle Holz-Kur, in deren Mittelpunkt die Einnahme von Aufgüssen aus dem harzigen Pockholz steht, soll die Krankheit heilen können. Angeblich sei Pockholz schon von den Indianern Mittelamerikas gegen die Syphilis genutzt worden, aber dafür gibt es aus heutiger Sicht keine klaren Belege. Die neue Therapie taucht um 1508 in Europa auf und wird bald zur wichtigsten Säule in der Behandlung der Syphilis. Ausschlaggebend dafür ist eine Abhandlung des Humanisten Ulrich von Hutten über die Syphilis und ihre medizinische Behandlung mit Pockholz. Das Buch erscheint 1519 in Mainz, wo von Hutten in dieser Zeit in Diensten des Mainzer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg steht. Von Hutten, der selbst von der Krankheit betroffen ist, hat sich in Augsburg einer Pockholz-Kur unterzogen. Nach der Kur hält er sich für geheilt, doch 1523 stirbt er an den Folgen seiner Syphilis-Infektion. Das änderte aber nichts an der enormen Bedeutung, die die Pockholz-Behandlung in der Folge erlangte. Pockholz erhielt den Beinamen Lignum sanctum  – „heiliges Holz“ – und behauptete trotz zunehmender Skepsis bis Ende des 19. Jahrhunderts seinen Platz in der Syphilis-Behandlung. Aber erst die ab 1904 verfügbaren Arsenpräparate und schließlich das Penicillin erlaubten eine gezielte Bekämpfung des Erregers. Pockholz, wissen wir heute, enthält keine spezifisch wirksamen Inhaltsstoffe dagegen.   

Die Bedeutung des Pockholzes für die Medizin schien damit beendet, aber die Geschichte nimmt noch einmal eine unerwartete Wendung. Bei der chemischen Untersuchung des Pockholz-Harzes wird 1862 als Hauptbestandteil die Guajaconsäure isoliert. Diese Verbindung ist für eine charakteristische Farbreaktion des Pockholz-Harzes verantwortlich. Durch Oxidationsmittel färbt sich das Harz intensiv blau. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man, dass diese Farbreaktion für den diagnostischen Nachweis geringer Mengen Blut genutzt werden kann. Denn die Guajaconsäure oxidiert mit Wasserstoffperoxid unter Gegenwart von Peroxidase-Enzymen zum Farbstoff Guajak-Blau. Als Peroxidase wirkt in diesem Fall die Häm-Gruppe des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Auf Grundlage dieser Reaktion wurde in jüngerer Zeit der sogenannte Haemoccult-Test entwickelt. Er wird seit über dreißig Jahren im Rahmen von Krebsvorsorgeuntersuchungen eingesetzt, um geringe Mengen Blut im Stuhl nachzuweisen, die auf ein gefährliches Darmkarzinom hindeuten können.

Die Mengen an Pockholz, die für diesen Test benötigt werden, sind trotz der breiten Anwendung offenbar gering. Hauptursache für die Bedrohung der Pockholz-Bestände ist der Einschlag zur direkten Nutzung des Holzes aufgrund seiner mechanischen Eigenschaften. Die Bestände in der Karibik wurden bereits im 16. Jahrhundert durch den immensen Bedarf an Holz-Kuren für die unzähligen Syphilispatienten stark dezimiert. Heute wird vor allem in Mittelamerika, insbesondere in Mexiko, Pockholz kommerziell genutzt. Davon ist gegenwärtig die noch etwas häufigere Art Guaiacum sanctum am stärksten betroffen. Beide Pockholz-Arten sind aber langsam wachsende Bäume, die eine Höhe von nur etwa 10 m erreichen, und deren Stämme kaum mehr als 50 cm dick werden. Die zunehmende Fragmentierung der Bestände birgt die Gefahr einer Reduktion ihrer genetischen Diversität, was das Überleben der Arten bedrohen kann. Die Geschichte des Pockholzes mit seiner vielfältigen und wechselvollen Bedeutung für den Menschen zeigt deutlich, welche Gefahr das Aussterben von Pflanzenarten darstellt. Denn niemand kann vorhersagen, welche Pflanzenprodukte in Zukunft für unser Leben wichtig sein werden.

 

Systematik: Jochblattgewächse (Zygophyllaceae)
Heimat: Mittelamerika
Standort im Botanischen Garten: Gewächshaus 13 (Verbinder)

 

Literatur
Fuchs, E.J. & J.L. Hamrick (2010). Genetic diversity in the endangered tropical tree, Guaiacum sanctum (Zygophyllaceae). Journal of Heredity 10: 1-8.
Grow, S. & E. Schwarztman (2001). The status of Guaiacum species in trade. Medical Plant Conservation, 7: 19-21. IUCN.
Vöttiner-Pletz, P. (1990). Lignum sanctum – Zur therapeutischen Verwendung des Guajak vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. (Pharmaziegeschichte). Govi – Frankfurt am Main.

 

Text und Fotos: Dr. Ralf Omlor | 16.02.2011