Frucht- und Samengarten – Themenjahr 2017/2018

 

Ausbreitungsbiologie der Pflanzen

Pflanzen können nicht weglaufen. Aber das ist kein Problem. Einmal verwurzelt, können sie zum Teil Jahrhunderte an einer Stelle ausharren und mit den gegebenen Klima- und Bodenverhältnissen klarkommen. Und mit ihren Früchten und Samen sind Pflanzen in der Lage zu reisen und enorme Entfernungen zurückzulegen. Nicht nur räumliche Distanzen können auf diese Weise überwunden werden, auch zeitliche Perioden von mehreren Jahrzehnten können überdauert werden. Das macht unseren Planeten eigentlich zu einer stabilen grünen Welt. Neue Lebensräume können von Pflanzen innerhalb kürzester Zeit besiedelt werden.

Der Frucht- und Samengarten widmet sich diesen erstaunlichen Eigenschaften der Pflanzen und zeigt anhand von etwa 70 Pflanzenarten, welche Ausbreitungsmechanismen und Strukturen im Laufe der Evolution entstanden sind. Außerdem geht es um die Rolle, die der Mensch bewusst oder unbewusst im Ausbreitungsprozess der Pflanzen spielt. Sei es durch den gezielten Anbau von Pflanzen, durch die Veränderung von Lebensräumen oder die Verschleppung gebietsfremder Arten, die sich zu invasiven Neophyten entwickeln können.

Informationen zu den Pflanzen des Frucht- und Samengartens

PfanzennameAusbreitungBemerkungen
Acanthus mollisAutochoriebeim Trocknen reißen die Kapseln explosionsartig auf und schleudern die Samen bis zu 10 m weit
Aquilegia formosaAnemochoriedie Samen werden durch den Wind aus den Kapseln geschleudert
Arctium lappaEpizoochoriedie elastischen Widerhaken der Hüllblätter waren Vorbild für die Entwicklung des Klettverschlusses
Bidens ferulifoliusEpizoochoriedie Früchte haben kleine Stacheln mit Widerhaken zur Anheftung an Tiere
Biserrula pelecinusEpizoochorieHülse beiderseite mit Sägezähnen
Callirhoe involucrataHydrochoriedie Frucht zerfällt bei der Reife in schwimmfähige Teilfrüchte mit je einem Samen; Präriepflanze
Cardamine chenopodiifoliaAutochorieneben den normalen oberirdischen Fruchtständen werden aus bodennahen Blüten spezielle Früchte gebildet, die in die Erde versenkt werden (Geokarpie)
Ceratostigma plumbaginoidesAutochorieeinsamige Kapseln, aber vorwiegend vegetative Ausbreitung durch unterirdische Ausläufer; Blüte: VIII-IX, Frucht: IX-XII
Cyclamen hederifoliumMyrmekochorienach der Blüte im Herbst werden die Früchte durch die eingerollten Blütenstiele an den Boden gezogen, wo sie sich erst nach dem Winter öffnen; Samen mit Futterkörper (Elaiosom) zur Ausbreitung durch Ameisen; Blüte: VIII-IX, Frucht: IX-X
Cymbalaria muralisAutochorieStiele der Früchte wachsen vom Licht weg und legen die Kapseln in Mauerritzen oder Felsspalten ab
Apocynum cannabinumAnemochorieSamen mit Haarschopf zur Ausbreitung durch den Wind; Blüte: V-VI, Frucht: VII-IX
Cynoglossum officinale f. bicolorEpizoochoriedie vier einsamigen Teilfrüchte (Klausen) tragen Stacheln mit Kletthaken
Daucus carotaEpizoochoriedie stacheligen Früchte werden durch vorbeistreifende Tiere aus dem Blütenstand gestreut und verschleppt; Blüte: VI-VIII, Früchte: VIII-X
Cytisus scopariusAutochorieExplosionsfrucht; beim Trocknen der reifenden Früchte entsteht eine mechanische Spannung, die sich beim Aufreissen der Hülsen explosionsartig entlädt und die Samen wegschleudert
Vincetoxicum hirundinariaAnemochorieSamen mit Haarschopf zur Ausbreitung durch den Wind (Schopfflieger); Blüte V-VI, Frucht VI-VIII
Dipsacus fullonumEpizoochorieder Fruchtstand bildet eine große Klette, die aber nicht von der Pflanze abreißt; die Samen werden lediglich herausgeschüttelt; Blüte VII-VIII, Frucht VIII-XII
Ecballium elaterium subsp. elateriumAutochorieExlposionsfrucht; durch hohen Saftdruck reißt die Frucht am Stiel ab und schleudert die Samen durch die enstandene Öffnung mehr als 10 m weit
Epilobium angustifoliumAnemochorieSamen mit Haarschopf zur Ausbreitung durch den Wind (Schopfflieger); beim Aufspringen der Kapselfrucht ist der Haarschopf nach zwei Seiten auseinander gezogen; Blüte VI-IX, Frucht VII-X
Proboscidea louisianicaEpizoochorieTrampelklette; die äußere grüne Schicht der Frucht zerfällt beim Trocknen; zum Vorschein kommt der harte Innenteil mit langem gebogenen Schnabel, der sich in zwei spitze Hörner aufspaltet; Blüte VII-IX, Früchte IX-X
Xanthium strumariumEpizoochorieHüllblätter des Fruchtstands mit hakenförmigen Auswüchsen; Ausbreitung des gesamten Fruchtstandes durch Anheftung an Tiere (Verbreitungsklette); Blüte VII-VIII, Frucht IX-X

 

Die Vorbereitungen zum Frucht- und Samengarten im hinteren Quadranten der Biologischen Abteilung starteten im Herbst 2016. Die baulichen Veränderungen der Beete und die Gestaltung des Infopoints mit Sitzgruppe erfolgten 2017. Ab Mai 2018 wurde dann mit der endgültigen Bepflanzung der Beete begonnen, und im September 2018 kamen die Schautafeln hinzu. Die Auswahl der im Frucht- und Samengarten gezeigten Pflanzen wird kontinuierlich weiterentwickelt.

Konzeption: Botanischer Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Texte: Dr. Ralf Omlor und Prof. Joachim W. Kadereit PhD
Fotos: Thomas Hartmann (Frucht- und Samensammlung), Dr. Ralf Omlor
Layout der Schautafeln: Doris Franke
Dank: Die Gestaltung des Frucht- und Samengartens wurde durch eine großzügige Spende der Deutsche Bank AG Mainz und durch die Unterstützung des Freundeskreises des Botanischen Gartens der Johannes Gutenberg-Universität Mainz e.V. ermöglicht.