Auf dem Weg zum Kakteenwald

Wer einmal den Saguaro National Park in Tucson im Bundesstaat Arizona besucht hat, wird die dichten Bestände der riesigen Säulenkakteen kaum mehr vergessen. Sie wirken wie fremdartige Wesen in der kargen steinigen Landschaft, in der sonst nur ein paar Sträucher, kleinere Opuntien und einige krautige Pflanzen wachsen. Jeder der großen Saguaros mit dem wissenschaftlichen Namen Carnegiea gigantea hat eine ausdrucksstarke Form. Ältere Exemplare, die mehr als 10 m hoch werden können, sind fast immer durch Specht-Höhlen gezeichnet oder tragen andere Narben von Insekten und Nagetieren, die sich vom saftigen Stammgewebe ernähren wollen. Ab einem Alter von etwa 80 Jahren bilden die großen Exemplare aufwärts markante Seitenarme, die den individuellen Charakter dieser Pflanzen weiter verstärken.

Wer diese spektakulären Kakteen sehen möchte, aber keine Gelegenheit hat, mal eben nach Tucson zu fliegen, kann jetzt in den Botanischen Garten der Universität Mainz kommen. Schon vor etwas mehr als einem Jahr haben wir einen großen Saguaro aus einer Privatsammlung erhalten und ihn im neuen Kakteengewächshaus gepflanzt. Das war eine kleine Sensation, nachdem wir jahrelang vergeblich nach einer solchen Pflanze gesucht hatten. Nun ist noch ein zweites großes Exemplar hinzugekommen. Das macht zwar das noch keinen Kakteenwald wie in Tucson, ist aber zusammen mit den anderen Pflanzen dieses Gewächshauses ziemlich nah dran. Beide Saguaros sind fast gleich groß, unterscheiden sich aber deutlich im Erscheinungsbild.

Schauen wir nochmal zurück auf den ersten großen Saguaro, den wir im Juli 2025 übernommen haben (rechts auf dem Foto). Er ist mit aktuell 2,55 m Höhe etwas größer und ist in den vierzehn Monaten, seit er bei uns ist, bereits 10 cm gewachsen. Sein Stamm ist fast makellos, satt dunkelgrün und sehr stark bedornt. Vor allem am Scheitel trägt er lange kräftige Dornen. Dieser Saguaro sei Anfang der 1980 Jahre aus Samen gezogen worden, die ein Kakteenliebhaber in Arizona gesammelt hatte. Der Kaktus ist somit ungefähr 45 Jahre alt. Die starke Bedornung ist auch in der Natur typisch für noch relativ junge Saguaros bis zu einer Größe von zwei bis drei Meter. Auch in der Sonora kann ein Saguaro diese Größe nach etwa 40 Jahren erreichen.

Der jetzt neu hinzugekommene Saguaro ist älter. Er ist 1974 südlich von Tucson als etwa 15 cm kleines Exemplar ausgegraben und später mit nach Deutschland gebracht worden. Das wäre heute ein arger Verstoß gegen internationale Artenschutzbestimmungen und war auch damals nicht im Einklang mit dem in Arizona geltenden Native Plant Protection Act zum Schutz seltener Wildpflanzen. Die bei uns zuständige Untere Naturschutzbehörde konnte den zwischenzeitlich groß gewordenen Mitbringsel nun aber für die Aufnahme in den Botanischen Garten freigegeben, da seine Entnahme aus der Natur noch vor Inkrafttreten des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) stattgefunden hat. Für das große Engagement seiner Besitzer, einen legalen Weg zur Übergabe an den Botanischen Garten zu finden, bedanken wir uns sehr!

In seinen ersten Lebensjahren wächst so ein Saguaro extrem langsam. Bis er eine Größe von 15 cm erreicht, dauert es in der Natur etwa 15 Jahre. Das würde bedeuten, dass dieser zweite Saguaro um 1960 gekeimt ist, und inzwischen etwa 65-70 Jahre alt ist. In der Natur kann er in diesem Alter schon um die fünf Meter hoch sein und seine ersten Seitenarme bilden.

Beide Saguaros stehen jetzt nahe beieinander und unterscheiden sich in der Bedornung erstaunlich deutlich voneinander. Das neue Exemplar hat sehr viel weniger und schwächere Dornen. Allerdings ist die Bedornung des Saguaro auch in der Sonora-Wüste variabel. Sie wird zum einen mit dem Alter schwächer, kann sich aber auch lokal aufgrund klimatischer Unterschiede sowie auch individuell innerhalb der Populationen unterscheiden. Da wir von beiden Exemplaren die genaue Herkunft in Arizona nicht kennen, kann man nicht viel dazu sagen. Wir müssen abwarten, wie sie sich in den kommenden Jahren im Gewächshaus entwickeln. Beide sind mit über zwei Meter Höhe im blühfähigen Alter. Da es in Europa aber kaum so große Saguaros in Gewächshäusern gibt, kann man keine Prognose geben, ob sie hier jemals blühen werden. Es wäre der nächste Schritt zum authentischen Mainzer Kakteenwald.

Text und Fotos: Ralf Omlor

Veröffentlicht am | Veröffentlicht in Allgemein