Der Dalmatiner Krokus – Balkan-Pop für den Garten

Farblich bearbeitete Nahaufnahme einiger Blüten des Dalmatiner Krokus.

Mehr gute Laune als dieser Krokus in der ersten sonnig-warmen Woche dieses Jahres gebracht hat, geht nicht. Nach den eisigen Temperaturen Mitte Februar blühen jetzt alle um die Wette: Winterlinge, Schneeglöckchen, Alpenveilchen. Aber dieser kleine, verwilderte Krokus, der von Jahr zu Jahr an immer mehr Stellen und in immer größerer Zahl im Botanischen Garten wächst, stiehlt gerade allen die Show.

Es ist gar nicht einfach, ihn richtig zu bestimmen. Er gehört zu einem schwierigen Verwandtschaftskreis um den Frühlings-Krokus (Crocus vernus), zu dem etwa zehn Krokus-Arten von den Pyrenäen bis zum Balkan gehören. Wer deren Evolution verstehen will, muss auch Chromosomenzahlen und molekulargenetische Merkmale untersuchen und wird dann feststellen, dass mehrfach Hybridisierungen zur Entstehung neuer Arten geführt haben. Zur Bestimmung reicht es aber, Blattmerkmale und Blütenfarben zu vergleichen, auf die Länge der Staubblätter zu achten, die Behaarung im Innern der Blütenröhre zu kontrollieren, die Zipfel der Narbenäste zu vermessen und die Faserhülle der Knolle im Boden zu überprüfen. Doch dann ist es eindeutig. Unser verwilderter Krokus ist der Dalmatiner Krokus, vielen wird er auch als Elfen-Krokus bekannt sein. Wissenschaftlich heißt er Crocus tommasinianus Herb., benannt nach einem Politiker und Botaniker des 19. Jh. – Muzio Giuseppe Spirito de Tommasini, der sich um die Erforschung der Flora des westlichen Balkans verdient gemacht hat und auch noch Bürgermeister von Triest war.

Erstmals beschrieben wurde der Dalmatiner Krokus 1847 von einem britischen Poeten und Botaniker namens William Herbert. Seine Pflanze stammte aus dem Biokovo-Gebirge an der Dalmatischen Küste im heutigen Süden Kroatiens. Inzwischen kennt man das Verbreitungsgebiet dieser Krokus-Art recht genau. Sie kommt im Süden Ungarns, in Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Bulgarien vor. Dort wächst sie vorwiegend in Laubmischwäldern auf kalkhaltigen Böden in Höhenlagen von 300 bis 1500 m. In Kultur ist der Dalmatiner Krokus wohl mindestens seit seiner ersten Beschreibung. Eine weitere Verbreitung als Zierpflanze hat er allerdings erst im 20. Jh. erreicht. Er ist heute leicht im Handel zu bekommen, auch einige Sorten mit Blütenfarben von weiß bis intensiv violett sind erhältlich.

Trotz seiner vergleichsweise jungen Geschichte wird der Dalmatiner Krokus bereits zu den sogenannten Stinsenpflanzen gezählt, ein Begriff, der in Norddeutschland geläufiger ist als hier. Man versteht darunter Pflanzen, die an Stellen ihrer früheren Gartenkultur verwildert sind und sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte dort halten können, ohne sich in der weiteren Umgebung auszubreiten. Die Vorkommen vieler Frühjahrgeophyten wie Schneeglöckchen oder Winterlinge nördlich ihres natürlichen Verbreitungsgebietes werden so gedeutet. Typisch ist ein hoher Anteil an vegetativer Vermehrung z.B. durch Tochterzwiebeln und nur eine geringe Fernausbreitung der Samen. Sehr häufig sind es Pflanzen, deren Samen durch Ameisen nur über kurze Distanzen ausgebreitet werden. Mit der Zeit können auf diese Weise aber Massenvorkommen entstehen. Berühmt ist beispielsweise die Husumer Krokusblüte. Dort handelt es sich um den mit unserer Art eng verwandten Crocus neapolitanus, der in Italien und möglicherweise auch auf dem nördlichen Balkan beheimatet ist.

Von einem solchen Massenauftreten kann bei uns im Botanischen Garten noch nicht die Rede sein. Aber der Dalmatiner Krokus scheint sich stärker auszubreiten. Er profitiert möglicherweise von der etwas stärkeren Bewässerung der letzten Jahre. Denn dieser Krokus gehört nicht zum mediterranen Florenelement, verlangt also keine absolute Trockenheit im Sommer, wie das beispielsweise für den bei uns äußerst schwierig zu kultivierenden Safran-Krokus (Crocus sativus) gilt.

Der Dalmatiner Krokus ist indes nicht die einzige attraktive Zierpflanze, die von der Balkanhalbinsel in unsere Gärten gekommen ist. Bei einigen erkennt man es direkt am Namen, etwa beim Balkan-Windröschen (Anemone blanda), dem Balkan-Storchschnabel (Geranium macrorrhizum) oder dem Balkan-Bärenklau (Acanthus hungaricus). Aber die Liste kann man um einiges verlängern, etwa um die Deutsche Schwertlilie (Iris x germanica) oder um den Flieder (Syringa vulgaris), der ursprünglich nur auf der Balkanhalbinsel beheimatet war, sich mittlerweile aber in weiten Teilen Europas und Nordamerikas etablieren konnte. Auf Balkan-Pop im Garten wird man also auch den Rest des Jahres nicht verzichten müssen.

Literatur

Harpke, D., A. Carta, G. Tomović et al. (2015). Phylogeny, karyotype evolution and taxonomy of Crocus series Verni (Iridaceae). Plant Syst Evol 301, 309–325.

Mosolygó-L, Á., G. Sramkó, S. Barbabás,  L. Czeglédi, A. Jávor, A. Moln´r V. & G. Surányi (2016). Molecular genetic evidence for allotetraploid hybrid speciation in the genus Crocus L. (Iridaceae). Phytotaxa 258 (2): 121-136.

Sukopp, H. & I. Kowarik (2008) Stinsenpflanzen in Mitteleuropa und deren agriophytische Vorkommen. Ber. Inst. Landschafts- Pflanzenökologie Univ. Hohenheim Heft 17: 81-90.

Link zum Garden Explorer: Den Dalmatiner Krokus im Botanischen Garten finden

Text und Foto: Ralf Omlor,
Bildbearbeitung: Doris Franke

 

2 Kommentare zu “Der Dalmatiner Krokus – Balkan-Pop für den Garten

  1. Wir haben im Laufe der letzten Woche die Entfaltung des Krokus-Meeres verfolgt. Nahezu jeder Besucher, der durch den Zugang an der Grünen Schule kommt, bleibt vor dem "Krokus-Rasen" stehen.. Danke für die ausfühlichen Erläuterungen.

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