Andrena und der Ziegenbock

Der Botanische Garten der Universität Mainz hat sich in seinem achtwöchigen Corona-Retreat offenbar darauf konzentriert, seltene Blüten hervorzubringen. Neben der bereits beschriebenen Bananen-Yucca präsentiert er nun eine filigrane Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum). Das ist besonders bemerkenswert, da es sich bei dieser heimischen Orchidee um ein spontanes Auftreten handelt. Aber auch hier muss die Entwicklung jahrelang unbemerkt im Verborgenen erfolgt sein.

2007 hat schon einmal eine Bocks-Riemenzunge im angrenzenden Arboretum geblüht. Im Jahr darauf war sie verschwunden. Gut möglich, dass das aktuelle Exemplar aus Samen der damaligen Pflanze hervorgegangen ist. Die Entwicklung der Bocks-Riemenzunge verläuft nämlich sehr langsam. Bis zur Keimung der winzig kelinen Samen können drei Jahre vergehen. Dann kann es drei weitere Jahre dauern, bis das erste Blatt gebildet wird. Und schließlich weitere drei bis fünf Jahre bis die Pflanze blühfähig ist (Bateman et al. 2013). Ob sie dann tatsächlich blüht, hängt vom Witterungsverlauf ab. Die Bocks-Riemenzunge überdauert mit einer unterirdischen Knolle. Im August oder September wird eine Blattrosette gebildet, die dann grün überwintert. Zu starker Frost, und die Pflanze wird nicht blühen. Im Herbst oder Frühjahr zu trocken, und die Pflanze wird auch nicht blühen. In diesem Jahr hat offenbar alles gepasst. Wenn diese Orchidee blüht, verbrauchen die Pflanzen aber so viele Ressourcen, dass sie danach häufig für mehrere Jahre nicht mehr blühen oder auch ganz verschwinden.

Heimische Orchideen sind aufgrund ihrer Seltenheit und der Bedrohung ihrer Lebensräume durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt. Sie dürfen zum Beispiel nicht ausgegraben oder gepflückt werden, ihr Lebensraum darf nicht zerstört werden. Aber nicht alle heimischen Orchideen sind in ihrem Bestand stark gefährdet oder rückläufig. Gerade die Bocks-Riemenzunge ist ein Beispiel für eine Orchidee, die sich in den letzten Jahrzehnten immer stärker ausbreitet. Sie gilt als Gewinner der klimatischen Erwärmung. Ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt in Frankreich, reicht nach Süden über die iberische Halbinsel bis nach Marokko, im Norden bis in den Südosten Englands und östlich über den Südwesten Deutschlands bis nach Thüringen.

Dieser Erfolg ist erstaunlich, denn man findet oft nur Einzelexemplare der Bocks-Riemenzunge. Auch bei uns im Botanischen Garten gibt es weit und breit nur ein einziges Exemplar. Die Bestäubung der Blüten dieser Orchidee erfolgt durch solitär lebende Sandbienen der Gattung Andrena. Von diesen Wildbienen gibt es im Botanischen Garten vier verschiedene Arten (A. nigroaenea, A. trimmerana, A. fulva, A. cineraria), wie eine Erhebung von Noel Sillo im vergangenen Jahr gezeigt hat. Diese Wildbienen besuchen Blüten aus zwei Gründen: um Nektar zu saugen für ihre eigene Ernährung und um Pollen zu sammeln, den sie in ihren Erdnestern als späteren Nahrungsvorrat für ihre Larven deponieren. Beides ist aber von der Bocks-Riemenzunge nicht zu bekommen. Wie bei allen Orchideen wird der Pollen beim Blütenbesuch als Paket (Pollinien) meist am Kopf der Biene festgeklebt. Die Biene kann dieses Paket nicht absammeln. Und Nektar gibt es auch keinen. Zwar befindet sich am Blüteneingang ein kleiner Sporn, in dem man Nektar vermuten würde, aber fast alle Untersuchungen ergaben, dass hier kein Nektar zu holen ist.

Was bewegt also die Sandbiene die Blüten der Bocks-Riemenzunge immer wieder zu besuchen und dabei die Pollenpakete von einer Blüte auf die nächste zu übertragen? Das wissen wir nicht. Aber eine Rolle könnte der auffällige Geruch der Blüten spielen. Sie riechen, zumindest für uns, nach – Ziegenbock! Was, um Himmels Willen, interessiert Andrena an einem pflanzlichen Ziegenbock? Das wissen wir auch nicht. Verantwortlich für den Geruch sind bestimmte Fettsäuren (Bateman et al. 2013), nämlich zwei Formen von Decensäure (decenoic acid) und Laurinsäure (lauric acid). Sehr ähnliche Verbindungen sind als Signal- und Pheromonstoffe bei Insekten bekannt. Möglicherwiese imitiert die Orchidee irgendein sehr subtiles Signal, das für Sandbienen unwiderstehlich ist. Konkrete Untersuchungen dazu scheint es aber nicht zu geben.

Was auch immer sie anzieht, für weite Transportstrecken sind sie nicht geeignet. Sandbienen bewegen sich wie die meisten Solitärbienen nur in einen recht kleinen Radius. Bei Untersuchungen dichter Populationen der Bocks-Riemenzunge in Süddeutschland, betrug die maximale Distanz bei der Übertragung von Pollenpaketen durch Andrena-Bienen weniger als sieben Meter (Kropf & Renner 2007). Das heißt für das einzelne Exemplar im Botanischen Garten, dass nur eine Übertragung der Pollenpakete innerhalb des eigenen Blütenstandes erfolgen wird, aber keine Fremdbestäubung. Somit auch kein genetischer Austausch mit anderen Individuen ihrer Art. Dennoch entwickeln sich in der Regel Früchte und keimfähige Samen, wenn auch nicht in dem Umfang, wie das bei einer Fremdbestäubung der Fall wäre.

Wir werden in den nächsten Jahren im Botanischen Garten genau aufpassen, ob und wann ein weiteres Exemplar auftauchen wird. Hoffentlich wird es nicht wieder dreizehn Jahre lang dauern. Aber auch für Sie lohnt es sich, einen Blick auf diese Orchidee am Rande der Streuobstwiese zu werfen und sich die Blüten einzuprägen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den veganen Ziegenbock in der Umgebung von Mainz sehen, nimmt nämlich von Jahr zu Jahr zu.

Literatur

Kropf, M.& S. Renner (2007). Pollinator-mediated selfing in two deceptive orchids and a review of pollinium tracking studies addressing geitonogamy. Oecologia 155: 497-508.

Bateman, R.M., P.J. Rudall, J.A. Hawkins & G. Sramkó (2013). Himantoglossum hircinum (Lizard Orchid) reviewed in the light of new morphological and molecular observations. New Journal of Botany, 3 (2): 122-144.

Und noch ein Hinweis: Aktuell blühen noch mindestens zwei weitere wilde Orchideen-Arten im Arboretum des Botanischen Gartens: das Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) und das Große Zweiblatt (Neottia ovata).

Text und Foto: Ralf Omlor, 11. Mai 2020

Nachtrag, 12. bis 22. Mai 2020. Auf diesen Bericht gingen in zahlreiche Rückmeldungen zu Beobachtungen der Bocks-Riemenzunge im Bereich des Botanischen Gartens, des Campus der Universität und im Umfeld von Mainz ein. Offenbar ist diese auffällige Orchidee tatsächlich in unserer Region gar nicht mehr so selten. Im Botanischen Garten gab es demnach seit 2007 mindestens zwei weitere Exemplare, die unserer Dokumentation entgangen sind. Und auch aktuell gibt es ein weiteres Exemplar im Arboretum des Botanischen Gartens. Auch westlich des Universitätscampus nahe der Saarstraße wurden zwei Exemplare beobachtet. Weitere Meldungen beziehen sich u.a. auf Vorkommen im NSG Mainzer Sand, in Laubenheim, bei Jugenheim, im NSG Höllenberg bei Heidesheim und bei Langenlonsheim im Nahetal.
Vielen Dank für diese Hinweise!

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